Vitamin-Mangel macht fett!

Wir fokussieren Stoffwechselwege und versuchen dabei, ganz wesentliche Merkmale abzuleiten, um herauszufinden, wo und wie genau wir intervenieren können. Das ist ein klassischer Kritikpunkt, den ich überhaupt nicht nachvollziehen kann: Tatsächlich ist das, was wir in den Mund schieben, die einzige Möglichkeit, gewisse Reaktionswege überhaupt zu modulieren! Freilich kommen noch andere Komponenten hinzu, die den Lifestyle komplettieren.

Heute möchte ich kurz zwei nette Arbeiten ansprechen, die andeuten (!), dass man Stoffwechselwege (um es einfach auszudrücken) durchaus ernst nehmen sollte.

Studie 1: Vitamin-Restriktion und metabolische Gesundheit

In dieser Arbeit wurden zwei Mäuse-Gruppen verglichen.

Klassischerweise dürfen sich Nagetiere von Mais, Casein (Milcheiweiß), ein bisschen Zucker, ein paar Ballaststoffen und Schweinefett bzw. Sojaöl ernähren. So menschenfremd ist das nicht … Getreide, Milch, Tierfett, Pflanzenöl … Der entscheidende Unterschied zu dir ist allerdings, dass Nagetiere standardmäßig auch noch eingedeckt werden mit Vitaminen, Mineralien und Aminosäuren (Cystein).

Die Forscher wollten herausfinden, wie sich eine Vitamin-Restriktion auf die Körperkomposition und metabolische Gesundheit der Mäuse auswirkt. 

Man halbierte hierzu einfach die Vitamin-Ratio. Wohlgemerkt: Nur die Vitamin-Konzentration wurde halbiert, nicht etwa die anderen Spurenelemente und Mineralien. 

Das Ergebnis erstaunt: Die vitaminarm-gefütterten Mäuse waren doppelt so fett. Und dies bei allen Fettgeweben im Körper — hieße für dich: Doppelt so viel subkutanes und doppelt so viel viszerales Fettgewebe.

Aber eben nicht, weil sie mehr „Energie“ (in Form von Nahrung) aufsaugten. 

Im Einklang mit diesen Ergebnissen war die Leptin-Konzentration höher (Stichwort Leptin-Resistenz bei Fettleibigen) und die Adiponektin-Konzentration niedriger. Beide Hormone werden im Fettgewebe gebildet. Adiponektin reguliert u. a. die Insulinsensitivität. Wir hätten gerne mehr davon.

Bestätigt wurde dies wiederum durch die erhöhten Glukose- und die doppelt so hohen Insulinwerte, was die entstehende Insulinresistenz verdeutlicht.

Die Leber zeigte eine dramatisch niedrigere PGC-1alpha-Expression (siehe Handbuch) und die Keton-Körper-Produktion, als Maß für die ß-Oxidation, war außerdem deutlich reduziert. Darüber hinaus, und das passt sehr gut ins Bild, waren Marker für die Fettsäurefreisetzung (Lipolyse) sehr deutlich reduziert.

Soll heißen: Metabolische Entgleisung hausgemacht, alleine durch eine Vitamin-Restriktion. Noch einmal: Diese Tiere bekommen normalerweise zusätzlich Vitamine! Du nicht!

Freilich darf man mich an dieser Stelle wieder kritisieren und darauf verweisen, dass es sich hierbei „nur“ um Nagetiere handelt. Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass das immer noch Säugetiere sind und sämtliche Signalwege evolutiv konserviert sind.

Ein weiterer Punkt ist, dass hier ein Mäusestamm genutzt wurde, der recht anfällig ist für metabolische Entgleisungen — auch das muss gesagt sein.

Wichtig ist, und das dürfen wir nicht vergessen: In anderen Arbeiten konnte gezeigt werden, dass Ratten-Kinder deutlich fetter sind, wenn die Eltern a) mit weniger (Faktor 1/2) und b) mit deutlich zu viel (Faktor 10) Vitaminen ernährt wurden. Da denke ich direkt an die hochdosierten Multivitamine von uns heute …

Literatur:

Amara, Nisserine Ben; Marcotorchino, Julie; Tourniaire, Franck u. a. (2014): „Multivitamin restriction increases adiposity and disrupts glucose homeostasis in mice“. In: Genes & Nutrition. 9 (4), DOI: 10.1007/s12263-014-0410-x.

Studie 2: Vitamin-D-Mangel und seine Folgen

Um zu verdeutlichen, dass auch die (Stoffwechsel-)Gesundheit des Menschen dramatisch leiden kann, wenn man mal eben Vitamine vergisst, möchte ich diese Studie präsentieren.

fett_vitamind

Beide Bilder zeigen einen Muskel-Querschnitt und in beiden Fällen (A und B) sehen wir weiße Stellen — das sind sogenannte Fett-Infiltrationen. Heißt: Hier reichert sich Fett an.

(Schweregrad, Bild A: leicht, Bild B: mittel.)

Diese Veränderungen zeigen einen sehr engen Zusammenhang mit der Vitamin-D-Defizienz, auch wenn dies nur ein Zusammenhang ist und eine klare Kausalität nicht eindeutig bestimmbar ist. Dies liegt daran, dass andere Einflüsse wie Schilddrüsenhormone, Insulin etc. ebendiese Veränderungen auch beeinflussen.

Allerdings sind die Annahmen gerechtfertigt: Andernorts nämlich zeigten Wissenschaftler, dass niedrige physiologische Werte (wie z. B. bei Vitamin-D-Mangel) eine Muskel-Fett-Infiltration enorm fördern. Tatsächlich zeigt sich eine sogenannte Transdifferentiation.

Achtung, das ist neu: Das bedeutet, dass sich Muskelzellen in Fettzellen umwandeln! Das scheint es tatsächlich zu geben, und wenn ich die Bilder oben ansehe … ja … da ist nicht mehr so viel aktive Muskelmasse zu sehen.

Literatur: 

Bignotti, Bianca (2014): „Imaging of skeletal muscle in vitamin D deficiency“. In: World Journal of Radiology. 6 (4), S. 119, DOI: 10.4329/wjr.v6.i4.119.

Ryan, K. J. P.; Daniel, Z. C. T. R.; Craggs, L. J. L. u. a. (2013): „Dose-dependent effects of vitamin D on transdifferentiation of skeletal muscle cells to adipose cells“. In: Journal of Endocrinology. 217 (1), S. 45-58, DOI: 10.1530/joe-12-0234

Abschließende Worte

Das sind die Punkte, an die ich denke, wenn mir mal wieder jemand Spiegel-Berichte vor die Nase hält. Ich will ja nicht einmal sagen, dass wir alle exorbitante Mengen schlucken müssen, aber man sollte bei aller Erhabenheit („Vitamine sind unnötig, brauchen wir nicht.“) einfach einmal kurz innehalten und reflektieren. Denn: Vitamine sind immer noch Substanzen, die Reaktions- und Stoffwechselwege speisen.

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12 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hallo Chris,

    zu Studie 1: „… Da denke ich direkt an die hochdosierten Multivitamine von uns heute …“

    was heist hier „hochdosiert“ ? …

    Multis sind wohl ehr niedrig dosiert … um spezifisch zu Wirken !?

    Peter

    1. Hi Peter,

      der Artikel bezog sich ja auf *Vitamine*, nicht auf Spurenelemente.

      Wenn in einem Multivitamin die 10-50-fache B-Vitamin-Konzentration enthalten ist, dann ist das nicht „eher niedrig dosiert“.

      In meinen Augen hätte auch das 3-5-fache gereicht.

      LG, Chris

      1. Hallo Chris,

        da fragt man sich, das 10-50 (oder 3-5) fache von was?

        Wieviel braucht man wirklich? Wie gut oder besser schlecht sind die Empfelungen von der DGE?

        Wenn ich über die Nahrung unterversorgt bin und wahrscheinliche (undiagnostizierte) Mangelzustände habe, die noch nicht pathologisch sind, wieviel sollte ich dann nehmen, um wieder aufzufüllen? Nicht zuletzt stellt sich dann für die einzelnen Vitamine die Frage nach der unbedenklichen, täglichen Höchstaufnahmemenge.

        Man denke nur an das Vitamin-D. Die DGE EMpfehlung war bis vor einiger Zeit 400UI und wurde dann auf 800UI verdoppelt(!). Van Helden und Andere empfehlen zu Auffüllen und Halten aber teilweise 5000-10000 UI; teilweise sogar noch mehr. Da ist dann auch schon ein Faktor 6-12, bzw 12-24 (zu den alten Empfehlungen).

        Hinzu kommt, dass z.B. die Obergrenzen-Empfehlungen vom Bundeinstitut für Risikobewertung (BfR), teilweise um den Faktor 10-50 unter denen der entsprechenden europäischen Behörde liegen (EFSA).
        (siehe: http://www.strunz.com/de/news/vitamine-europa-blamiert-deutschland.html)
        Wenn die EFSA eher im Bereich der richtigen Dosierung unterwegs ist, wäre alles, was die BfR Werte zugrundelegt unterdosiert und vermutilch auch unwirksam; was die vielfach kolportierte Meinung „Vitaminpräparate bringen nichts“ durchaus stützen würde.

        Die Frage bleibt also: Was ist die Referenz für Deine Angabe 10-50fache Konzentration? Das könnte durchaus Aufhänger für einen Übersichtsartikel sein, in dem der tägliche Bedarf an Vitaminen, Mineralien, Nährstoffen und Spurenelementen einmal anhand aktueller Forschungs- und Untersuchungsergebnisse aufgezeigt wird.

        Ansonsten, wie immer ein absolut lesenswerter und informativer Artikel.
        Mach weiter so 🙂

        LG,
        Dragan

        1. Hi Dragan,

          berechtigte Ausführung natürlich!

          Ich hatte unten geschrieben: 10-50-fache Konzentration an B-Vitaminen (!!!).

          Ich halte mich diesbezüglich schlicht an Konzentrationen, die man in lebenden Geweben (z. B. im Fleisch) findet und die ganz offensichtlich ausreichen. Ich würde sogar sagen, dass rotes Fleisch (im Idealfall von sich bewegenden Tieren) absolut ausreichende Mengen enthält, um uns Menschlein gut zu versorgen. (In Anlehnung an die Tatsache, dass die Tierchen ja auch sehr ordentlich mit den im Fleisch enthaltenen Mengen leben konnten.)

          Du hast vollkommen recht, wenn du von Mängeln etc. sprichst.

          Allerdings sollte man daran denken, dass der Körper verdammt gut darin ist, einen Mangel rasch auszugleichen, wenn man ihm erneut vernünftige Dosen füttert.

          Ein „Megadosing“ ist in vielen Fällen nicht nur nicht angebracht, sondern erzeugt Dysbalancen, da sie eben keine physiologischen Dosen mehr sind, sondern therapeutische.

          Ich spreche ausdrücklich nicht von Vitamin D.

          Aber: Angenommen ein Mensch, „der alles richtig macht“ und 1-2 mg von B-Vitamin XY aufnimmt und damit ausreichend versorgt ist … braucht sich nicht an „maximalen“ Dosen zu orientieren, die noch keine Toxizität hervorrufen.

          Hier ist, meines Erachtens nach, ein klassischer Denkfehler: Niacin kann in therapeutischen Dosen Sirt-Enzyme hemmen (!), die ganz wesentlich sind für Langlebigkeit und einen gesunden Zellstoffwechsel. Freilich wirkt das nicht direkt toxisch, aber „optimal“ ist es auch nicht.

          Ich denke, dass wir — bezogen auf Megadosing — in manchen Punkten vermessen agieren und uns nicht an natürlichen (= in der Natur vorkommenden) Dosen halten.

          Wohlgemerkt: Das schließt NICHT aus, dass wir B-Vitamin XY nicht auch einmal therapeutisch in Höchstdosen einnehmen können.

          Trotzdem sollte man scharf differenzieren.

          Und dann, da gebe ich dir recht: Über welche Substanzen sprechen wir, wenn wir von der 10-50-fachen Dosis (relativ zur „staatlichen“ Empfehlung) sprechen?

          Absolut korrekt.

          Aber ich bin sehr skeptisch bezüglich Vitamin-B-Megadosing.

          LG, Chris

  2. hallo chris,

    eine frage zu studie 2

    würde man fettgewebe im muskelquerschnitt mit sich herumtragen wie auf foto B
    kann sich dies noch regulieren zu foto A durch andere Ernährung NEMs Training oder generell anderer lifestyle? oder müsste man zb die ganze muskelmasse verlieren (inkl.fett in der zelle) und komplette muskelmasse neu „gesund aufbauen“

    hoffe meine frage war verständlich
    lg alex

    1. Hi Alex,

      sehr gute Frage!

      Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob eine Rück-Transdifferenzierung möglich ist.

      Ein guter Life-Style und eine Vitamin-D-Suffizienz sollten auf jeden Fall ihren Beitrag dazu leisten.

      Liebe Grüße,
      Chris

      1. ja die frage ist echt gut haha. anhand deines artikels denke ich wenn die vorhandene muskelzelle durch vitamin d mangel zu fettzellen switched, dürfte es mit andersherum auch funktionieren. nur denke ich zb normale fettzellen am körper leeren sich ja nur bei der abnahme und werden nicht mehr zerstört. wäre schwierig in der vorhandenen muskelzelle die vorhanden fettzellen wieder umzuswitchen durch lifestyle +vitamin d usw… naja alles leienüberlegungen von mir.

        PS: dein Buch ist sehr gut ich bin jetz ungefähr bei der hälfte und komplette NEM supplementation angepasst nach deinen vorgaben. ich weiss nich ob es placebo ist aber ich merke einen deutlichen anstieg der lebensfreude kraft gelassenheit NACH EINER WOCHE!!!usw. VIELEN DANK FÜR ALLES BIS HIERHIN ☺️kann man dir später mal ne private frage stellen

    2. Hallo miteinander.

      Eine Rück-Transdiffenrenzierung von Fettzelle zu Muskelzelle bei Vitamin D Gabe und entsprechendem Life-Style?
      Das wäre ja zu schön um wahr zu sein.

      Stellt sich erst mal die Frage, ist die von der Muskelzelle zur Fettzelle verwandelte Zelle jetzt tatsächlich eine „echte“ Fettzelle, oder ist es „nur“ eine verfettete Muskelzelle?
      Im zweiten Fall sollte sich die Zelle bei entsprechender Stimulierung wieder „erinnern“ was sie einmal wahr und wieder Muskelzelle werden können.

      Im ersten Fall halte ich eine Rückverwandlung in eine Muskelzelle für eher unwahrscheinlich.

      Würde dies doch ansonsten die Möglichkeit eröffnen, auch andere Fettzellen möglicherweise in Muskelzellen zu verwandeln. Für alle Adipösen wäre das dann wie ein Sechser im Lotto. Fettmasse aufbauen und in Muskeln umwandeln; ohne jahrelanges Krafttraining. Das währe für viele wohl erst mal der Heilige Gral der (eigenen) Physiologie.

      Eine Grundsätzliche Frage hätte ich mal zu Fettzellen:
      Man hört oft, dass man einmal vorhandene Fettzelle nicht wieder los wird; sie allenfalls verkleinern kann. Ist das wahr? Oder haben nicht vielmehr auch Fettzellen eine begrenzete Lebensdauer und könne auch Zahlenmäßig reduziert werden (wenn sie sich nicht schneller Teilen, als absterben/abbauen)?

      LG,
      Thorsten

      1. Hi Thorsten,

        guter Kommentar, danke dir.

        Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Fettzellen sehr wohl sterben können.

        Dies ist offensichtlich dann der Fall, wenn sie eine ganze Zeit lang komplett geleert waren.

        Man muss sich allerdings vor Augen führen, dass es auch so etwas wie Adipogenese gibt, also die Neubildung von Fettzellen.

        Liebe Grüße,
        Chris

  3. Hallo Chris,

    wo hast Du denn das Bild der beiden Mäuse her?
    Ich habe das auch noch bei t-nation und einigen japanischen Mausverkäufern gefunden, aber nirgends eine echte Quelle, die mir erlauben würde das Bild mit Zitat zu verwenden. Hast Du da einen Hinweis/Tipp? Oder ist das ein Public domain Bild?
    LG, Reinhard

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