Die Inuit-Ernährung ist immer noch kein gutes Beispiel für uns

Inuits sind an ihre Ernährung angepasst

Seit Monaten kritisieren wir gewisse Pauschalisierungen im Paleo-Internet, die so nicht haltbar sind.

Es werden immer öfter Stimmen laut, die sich klar von Faleo distanzieren: Viele Paleo-Ausführungen sind nette Geschichten, aber keine Fakten (du erinnerst dich an unseren Post? Und an diesen?) — so erschien vor wenigen Monaten auch ein kritischer Beitrag auf dem ersten deutschen Paleo-Blog, Urgeschmack.

Viele Leute hören auf, nur mit den Kopf zu nicken, sobald es logisch klingt.

Ein für alle Mal: Du hast eine ganz eigene Genetik. Und nur du kannst wissen (Stichwort Körperintelligenz), was gut für dich ist und was nicht. Ich wiederhole mich gerne: Ich kann weder kilogrammweise dieses eine Fleisch am Tag essen, noch meinen Ernährungsplan auf Weizenprodukte basieren lassen. Geht nicht. Da blockiert mein Körper, mein Bauch, mein Gehirn — es ergibt sich eine innere Schranke. Umgekehrt muss ich auch überhaupt nicht darüber nachdenken, was ich stattdessen essen soll. Es geht automatisch.

Und genau so wird es auch den Inuit gehen, wenn sie sich Unmengen Robbenfett, Karibuhoden oder Walblut-Drinks gönnen.

Nun, welche Gene sind denn da genau betroffen? Was unterscheidet dich vom Inuit?

Betroffene Gene und deren Funktion (Plus: Mögliche Rollen)

  • Inuit haben offensichtlich eine Puffer-Funktion im Stoffwechsel der mehrfach ungesättigten Fettsäuren

Wir erinnern uns: Die mehrfach ungesättigten Fettsäuren DHA/EPA/ARA haben essentiellen Charakter. Der Körper baut ebendiese aus den Vorstufen alpha-Linolensäure und Linolsäure (wie wir heute wissen: tut er nicht) — über einen mehrstufigen Prozess mit vielen verschiedenen Fettsäuren dazwischen, katalysiert durch Enzyme. Genau dort finden wir Veränderungen, sodass die Synthese-Leistung offensichtlich gebremst wird, um den Körper vor Anreicherung von langkettigen mehrfach ungesättigten Fettsäuren zu schützen. Vielleicht eine Puffer-Funktion, da Inuit sowieso sehr viele dieser Fettsäuren konsumieren.

  • Inuit zeigen Gen-Polymorphismen in Regionen, die Körperstatur und Fettgewebe-Stoffwechsel regulieren 

Diese Gen-Polymorphismen sind assoziiert mit einer niedrigeren Waist/Hip-Ratio. Also: Entweder ist die Taille schmaler oder die Hüfte breiter … oder beides zusammen. Darüber hinaus scheinen diese Gen-Polymorphismen Einfluss zu haben auf die Morphologie bzw. Physiologie des Fettgewebes, insbesondere im Hinblick auf das sogenannte braune Fettgewebe, das Fette nicht nur speichert, sondern Wärme entstehen lässt, indem es Fette metabolisiert.

  • Inuit scheinen sehr aktive Proteine im AGE-Stoffwechsel zu haben 

AGEs, Advanced Glycation Endproducts, sind sehr schädliche, gesundheitsbeeinflussende Stoffwechselprodukte, wobei Zucker mit Proteinen (bzw. Aminosäuren) reagieren — diese AGEs finden wir beispielsweise bei Zuckerkranken oder Alzheimer-Patienten, aber auch bei diversen anderen Erkrankungen.

Inuit zeigen Polymorphismen in einem Gen, das für ein diesbezüglich schützendes Enzym katalysiert. Ergibt Sinn: Inuit essen sehr viel Fleisch, vermutlich auch stark angebraten, wobei direkt AGEs entstehen.

  • Inuit zeigen Gen-Veränderungen bezüglich der Herzgesundheit und bezüglich des Energie-Stoffwechsels 

Zwei weitere Gen-Kandidaten wurden ausgemacht: Ein Gen-Kandidat steht im Zusammenhang mit der Herzgesundheit, allerdings nicht im positiven Sinne. Ein weiterer Kandidat reguliert signifikant den Lipid- und Glukose-Stoffwechsel, kann hierbei eventuell eine protektive Rolle spielen. Ähnliche Gen-Veränderungen zeigen sich auch beim Eisbär.

Weitere Gen-Mutationen

Das war freilich nicht alles. Lediglich alles, was diese Arbeit aufdeckte.

Wir wissen darüber hinaus von CPT1-Polymorphismen, die eine Keton-Körper-Produktion sehr deutlich einschränken. Wir wissen darüber hinaus von Gen-Veränderungen, die für den Glukose-Haushalt verantwortlich sind.

Alles in allem zeigt sich doch sehr deutlich, wie und dass Inuit an ihren besonderen Lebensstil angepasst sind.

Du nicht. Zumindest nicht an den Inuit-Life-Style.

Literatur 

Science 18 September 2015:
Vol. 349 no. 6254 pp. 1343-1347
DOI: 10.1126/science.aab2319

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10 Kommentare, sei der nächste!

  1. Guter Artikel!
    Ich bin nur ein wenig skeptisch bei der Vorstellung der „Körperintelligenz“: Ja, es gibt unglaublich viele, teils wahnsinnig subtile Regelkreise, wie wir die Präferenzen für Nahrungsmittel oder Nährstoffe wählen – absolut.

    Aber dass es mit der Körperintelligenz nicht weit her ist, sieht man daran, dass es nicht klappt. Nicht in Zeiten, in denen das Nahrungsangebot im Überfluss, und dazu noch viele hoch designte Nahrungsmittel auf dem Markt sind, die jegliche Körperintelligenz schlicht überwältigen.

    Aber selbst wenn man die umgehen könnte (Augen zu im Supermarkt in der Süßigkeiten-Ecke 🙂 ): Viele Präferenzen werden geprägt in den ersten Lebensmonaten und -jahren. Hat man da Pech gehabt mit dem Geschick der Mama, ist die Körperintelligenz da auch nicht die beste (kulturell-sozialer Teil der Übergewichtsproblematik).

    Ich bin ein wenig überrascht und sehe es ein wenig widersprüchlich, wenn man einerseits an eine Körperintelligenz glaubt, die die Dinge regelt, wenn man sie nur konzentriert genug wahrnimmt – dann aber für ca. 3 Dutzend mögliche „künstliche“ Nahrungsergänzungen plädiert, die in der Dosis niemals mit einer naturalistischen „Körperintelligenz“ („Mein Körper braucht jetzt Olivenblattextrakte/VitaminA-Dosen/etc, die ich niemals mit Nahrungsmitteln zuführen könnte“) zustande kämen.

    Da bin ich dann trotz aller Kritik an einigen aus meiner Sicht überbordenden „Tweaking-Versuchen“ per Supplemente doch ein Anhänger des Mittelwegs: Ja, Achtsamkeit, auch bei der Ernährung, ist sinnvoll. Aber wer seine Gesundheit optimieren will, da stimme ich dir zu, kann sich nicht nur auf sein Körpergefühl verlassen (siehe Bluthochdruck, der lautlose Tod), sondern braucht dann auch objektive Maßnahmen wie Messungen und ggf (künstliche) Therapien und Ergänzungen.

    1. Hi Chris,

      na ja, immer unter der Voraussetzung, dass man die Körperintelligenz in ein einigermaßen richtiges Milieu setzt:

      a) bei Fettleibigen funktionieren gewisse Aspekte der Körperintelligenz ja schon überhaupt nicht mehr (Stichwort Leptin); hieße hier: erst einmal Milieu der metabolischen Gesundheit einigermaßen wiederherstellen

      b) die Körperintelligenz ist keine Sache, die funktioniert wie ein Navigationssystem, sondern eine Art Radargerät, das auch das Lebensmittel nimmt, das den Bedürfnissen einigermaßen entspricht. Wenn also das Bedürfnis „Eiweiß“ anklingt, dann muss es eventuell nicht unbedingt der Rehbraten sein, es ginge auch Hühnchen. Aber das ist nur ein Beispiel. Hier wäre das Milieu: gehe dort hin, wo deine Körperintelligenz auch greifen kann (z. B. nicht in den McDonalds)

      Ich plädiere ja insgesamt nicht dafür, dass wir uns alle auf irgendwelche Signale verlassen, sondern eben auch einen gewissen Kontext herbeiführen, sodass archaische Körper-Mechanismen überhaupt in gewisser Weise greifen können.

      Ich merke es nur an mir jedes Mal aufs Neue: Wir diskutieren so oft über Dinge, die uns (vermutlich) krank machen (z. B. Weizen) — streichen sie dann ganz permanent und konsequent vom Ernährungsplan. Wäre bei mir überhaupt nicht nötig, weil nahezu alles, in einem gewissen Bereich, dazu führt, dass ich eine Aversion bekommen und das sehr schnell. Aber eben temporär, so lange, bis der Körper sein ganz eigenes Gleichgewicht diesbezüglich wieder hat.

      Im Übrigen: Die NEM sind Teil der Milieu-Erzeugung. Wer den Karren an die Wand gefahren hat, der muss ihn halt reparieren und weiter zählt der System-Gedanke. Und wie das System funktioniert, haben wir oft genug erläutert. Diesbezüglich sollte man sich halt auch von der romantischen Vorstellung distanzieren, dass der Paleo-Mann mit allem immer total super versorgt war. Ist nicht der Fall.

      Insgesamt ist Körperintelligenz sehr viel mehr als nur „ich esse Pizza, weil mir der Körper das sagt“. Es geht eher auch darum, den eigenen Körper und seine Bedürfnisse kennen zu lernen, manche Dinge (z. B. auch fehlgeleitete Verhaltensweisen) richtig einzuordnen und ordentlich zu intervenieren.

      Soll heißen: Keine Wortklauberei hier!

      1. Ich kann die Beobachtung bei Kindern nur eingeschränkt teilen. Allerdings ist das, was immer wieder als intelligente Intuition interpretiert wird, sehr oft übersteuert durch gelerntes Verhalten. Gelernt durch nachäffen. Zum zweiten ist es oft übersteuert durch Verhaltensmuster und Präferenzen, die durch diverse Assoziationen beeinflusst werden, die beispielsweise in unserem „Belohnungszentrum“ im Gehirn entstanden sind.
        Ich würde mich als Vater nie darauf verlassen, dass diese natürliche Körperintelligenz zuverlässig funktioniert aber die Impulse der Kinder immer mit einbeziehen.

        1. „Ich würde mich als Vater nie darauf verlassen, dass diese natürliche Körperintelligenz zuverlässig funktioniert aber die Impulse der Kinder immer mit einbeziehen.“

          Korrekt.

          Genau das meinte ich u. a. oben in meinem Kommentar.

        2. Als 2fach Mutter habe ich die Erfahrung gemacht, dass eine gewisse Präferenz in der Ernährung durchaus angeboren ist. Seit klein an haben sich meine Töchter sehr unterschiedlich ernährt und sehr unterschiedliche Vorlieben gehabt. Sie haben auch sehr unterschiedliche Staturen. Während die eine (15) sehr zierlich und gelenkig ist, sehr kohlenhydratlastig in Form von Brot und Stärkeprodukten ißt, hat die andere (10) eine kräftige und muskulöse Statur und ißt eher proteinbetont in Form von Fleisch und Milchprodukten und lehnt Gemüse und sehr süßes Obst völlig ab.
          Nachgeäfft haben sie mir nichts (meine Ernährung ist aufgrund Krankheit speziell). Interessant ist auch, obwohl der Vater (südländisch-asiatische Gene) nicht bei uns lebt, hat doch die Große (15) Ernährungsvorlieben und -abneigungen entwickelt, die seinen unwahrscheinlich ähneln, sie hat auch genau die gleiche sehnig- gelenkige Statur wie er.
          Wie Chris schon sagt..jeder ist anders…man kann nichts pauschalisieren

  2. Seit ich meine Tochter (1,5Jahre) beim Essen beobachte weiß ich was „Körperintelligenz“ bedeutet. Zumindest bilde ich mir ein, dass zu wissen. Sie nimmt sich an mehreren Tagen „bewusst“ mehr Carblastige Nahrung zu sich und seit einer Woche futtert sie Fleisch und fetten Rohmilchkäse in Massen und Obst mit hohem glykämischen Index (Bananen, Trauben) lässt sie liegen. Gemüse rührt sie nicht mehr an.
    Schade das wir dieses Gefühl verlieren im Erwachsenenalter und uns die Nahrungsindustrie manipuliert. Siehe Werbung im Kinderprogramm. Mc Donalds bietet jetzt schon Fleisch mit Biosiegel an.

  3. Körperintelligenz hört sich so…naja – weitschweifend an!ich glaube Chris hat es mal anders gesagt…oder wer auch immer – hört sich jedenfalls für mich leicht und nachvollziehbar an!!“wenn man Hunger auf süsses hat – sollte man ne Handvoll oder mehr Beerenobst essen – und keine Tüte Gummibärchen – wer gerad Hunger auf Umami – also herzhaft – also Glutamat hat – der sollte sich nen Steak oder nen Fisch grillen – und nicht Asianudeln aus der Tüte essen“ – da fängt für mich die körperliche Intellgenz an – und funktioniert bei mir sehr gut! 🙂

  4. Der Zusammenhang zwischen genetischer Ausstattung und den menschlichen Ernährungsgewohnheiten liegt ja eigentlich auf der Hand. Ich glaube fast jeder weiß, dass z.B. Asiaten keinen Alkohol vertragen, und vielleicht auch noch, dass den Südländern öfter das „Lactase Gen“ fehlt bzw. dass sie als Erwachsene jedenfalls zuwenig davon produzieren um reichlich Milch und Milchprodukte essen zu können. Unwahrscheinlich, dass es reiner Zufall ist, dass gerade die Skandinavier allesamt Milchprodukte vertragen. Muss wohl ein echter Vorteil gewesen sein, als die Menschen auch den Norden besiedelten. Chris hat ja schon oft beschrieben, dass die genetischen Unterschiede teilweise eben doch groß sind, und man darf auch vermuten, dass es DEN Steinzeitmenschen vielleicht nie gab.

    Wir vergessen auch oft, dass wir nur da sind, WEIL sich die Natur diese Spielchen mit den Genen erlaubt. Auch innerhalb einer Art.

    Ein weiterer Irrglaube ist der, dass alles natürliche in jedem Falle gut für uns sei. Das stimmt manchmal und oft stimmt’s nicht. Die Natur interessiert sich überhaupt nicht dafür, ob es einem bestimmten Lebewesen gut oder schlecht geht. Im besten Fall gehört man eben zu den gut angepassten und es gibt die passende Nahrung in ausreichender Menge.

    Der Trugschluss kommt daher, dass man erst beobachtet wie schön alles in der Natur zusammenpasst (Ökosystem), und dann denkt man vielleicht, dass das auch im Einzelfall für eine bestimmte Spezies immer stimmt (die Plfanze/das Tier in Harmonie mit der Umgebung). Stimmt aber nicht. Beispielsweise werden Pflanzen zwar gerne von Tieren gefressen, dass ist aber nicht ihr angestrebtes Ziel. Und deshalb produzieren viele Arten ja auch Giftstoffe zur Abwehr.
    Viele Paleo-Freunde scheinen auch nicht zu wissen, dass die meisten Pflanzen als Urtyp kaum zu genießen waren oder mengenmäßig völlig unbedeutend gewesen sein müssen. Soll heißen: Menschengemachtes ist nicht per se schlecht — oder eben gut, je nachdem.

    Differenzierte Grüße ;),

    Peter A

    1. Perfekt ausgedrückt.

      Dann denke ich direkt an „artgerechte Ernährung“ und sehe, was diese artgerechte Ernährung „erlaubt“: Zum Beispiel Brokkoli.

      Die Pflanzen von heute sind so weit weg von „artgerecht“.

      Aber gut. Ich sagte ja: Geschichten sind oft besser als Fakten.

      Wohlgemerkt: Wir können alle sehr wohl Eckpfeiler ableiten und anhand der Reaktion des Organismus (auf die jeweiligen Umwelteinflüsse) erahnen, was dem Körper eher gut tut (oder nicht) — aber hier darf man weder pauschalisieren, noch so weit spezialisieren, dass man von der einen artgerechten Ernährung sprechen kann.

      LG, Chris

  5. Kopiere das mal von der Seite von Felix Urgeschmack hier rein: Besonders fasziniert zeigt er sich von einem Studienergebnis aus dem Jahr 1939: Gibt man Kleinkindern die freie Wahl über ihre Ernährung, wählen sie von selbst jene Lebensmittel, welche die essenziellen Nährstoffe enthalten. Die gerade abgestillten Kinder im Alter von 6 bis 11 Monaten hatten noch keinerlei Erfahrung mit (und Vorurteile gegenüber) anderen Lebensmitteln als Muttermilch. Nach sechs Jahren dieser Studie waren die Kinder kerngesund, nicht zu dick und nicht zu dünn. Ohne das Wissen um Fett, Kohlenhydrate und Gluten wählten sie nicht unbedingt immer die süßesten Speisen und bedienten sich offenbar genau richtig. Auch das natürliche menschliche Verhalten neigt also zu gesunder Ernährung, basierend auf unseren Sinneseindrücken und Körpersignalen, argumentiert Schatzker.
    Weiterlesen bei Urgeschmack: Lecker ist gesund – http://www.urgeschmack.de/lecker-gesund/
    Das passt doch zur Körperintelligenz bei Kindern?

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