Drei Dinge um einen Ausdauertest zu bestehen

Dieser Artikel wird kein „Man nehme 3 Zutaten und dann gewinnt man jeden Lauf“-Rezept, sondern ein persönliches Review. Leider konnte ich das im Titel nicht zum Ausdruck bringen.

Mein Lebenstraum war das Sportstudium. Ich denke, dass das vielen so geht. Für viele ist es ein Traum, das Hobby zum Beruf zu machen.

Mission Ausdauertest: Viele „Problemchen“

Ich wollte den Eignungstest bestehen, um Sport studieren zu können. Problem: Ich hatte keine Ausdauer.

Jetzt habe ich seit Jahren trainiert, zwar Schnellkraftsportart, aber sehr intensiv und mit Intervallen und so weiter. Muss da nicht irgendwie Ausdauer hängen bleiben? Na ja. Jahre später habe ich dann erfahren, warum das nie der Fall war (Stichwort Schilddrüse), aber ich hatte mich mit dem Zustand arrangiert.

Abb. 1: Ich mit 19. Voll "austrainiert" aber eine Ausdauer wie eine Wachtel und Herzrhythmusstörungen ... geht das? Klar: "Gesundsein" hängt nicht vom Körperfettanteil ab ...
Abb. 1: Ich mit 19. Voll „austrainiert“ aber eine Ausdauer wie eine Wachtel und Herzrhythmusstörungen … geht das? Klar: „Gesundsein“ hängt nicht vom Körperfettanteil ab …

Was macht man, wenn man täglich von einer Sache träumt, es unbedingt erreichen will? Ja, erstmal davon träumen. Mentales Training ist immer gut.

In Wahrheit hatte ich noch ein zweites Problem. Herzrhythmusstörungen. Die kamen aus dem Nichts. Tägliche Extrasystolen, den ganzen Tag lang. Alle 2 Minuten ein dumpfer Stoß in meiner Brust – ein kurzer Aussetzer und dann ein Herzschlag, der einfach etwas „kräftiger“ daherkommt. Das kennt womöglich jeder von euch. Wenn das den ganzen Tag und über Wochen hinweg passiert … der Arzt keine Lösung hat … dann hat man Angst … Todesangst …

Wie soll man denn unter diesen Umständen trainieren? Ich kann doch nicht laufen gehen, wenn das Herz in meiner Brust springt wie es gerade lustig ist.

Also zwei Probleme: Herzrhythmusstörungen den ganzen Tag und keine Ausdauer, aber Ausdauertest in 10 Wochen.

Abb. 2: ... und sportliche Leistungen auch nicht.
Abb. 2: … und sportliche Leistungen auch nicht.(Circa 23 J.)

Ich ging ins Stadion, um meine Leistung zu „testen“ und musste feststellen, dass ich nach 3 Runden – gelaufen im geforderten Tempo -, … am Ende war. Da ging nix. 7 1/2 Runden muss ich laufen. 3000 m in 13.30. Eigentlich eine Zeit, die machbar ist. Für mich war das etwas Unerreichbares.

Zunächst habe ich weiter trainiert. Intervalltraining. Aber selbstverständlich niemals 7 1/2 Runden am Stück im geforderten Tempo, denn das hätte meiner Mentalität sicherlich nicht gut getan. Ich kann ja nicht an den Start gehen und wissen, dass ich sowieso verliere.

Also Intervalltraining … irgendwas muss ich ja machen.

Die dummen Intervalle bin ich völlig ohne Glykogen (= Kohlenhydrate) im Bein gelaufen. Hat sich auch nicht gerade top angefühlt, aber das sollte ein weiterer Joker sein.

Barry Sears und die Fischöl-Vögel

Zur gleichen Zeit habe ich Biochemie-Literatur gelesen. Arginin war ja sowieso bekannt, „damit“, so dachte ich, „kann ich bestimmt mehr leisten.“ Okay, Arginin stand auf meiner Liste.

Ich habe weitere Dinge gelesen. Omega-3-Fettsäuren.

Die nämlich sorgen dafür, dass Vögel, die normalerweise nicht weiter fliegen können als von meinem Kopf zum Laptop-Display … plötzlich Langstrecken-Athleten werden, wenn sie sich „dopen“ mit Omega-3-Fettsäuren. Die „so dramatisch die oxidative Kapazität im Muskel erhöhen, wie es selbst nach 12-wöchigem, härtesten Training nicht zu erwarten wäre.“ (Originalzitat einer wissenschaftlichen Arbeit.)

Ah ja … Geglaubt hab ich’s nicht, aber besser im Wunschtraum leben als sich einzugestehen, dass man seinen Traum nicht leben kann.

Damals war Barry Sears, Erfinder der „Zone diet“, in Mode. Der hat 1988 (und in den folgenden Jahren) mit dem Schwimmteam der Stanford University zusammengearbeitet und die Jungs „missbraucht“, um seine Tests durchzuführen. In der Tat hat er ihnen allen 18 g Omega-3-Fettsäuren verabreicht (inklusive kleineren Mengen Gamma-Linolensäure) – aber „pharmaceutical grade“, nicht 30 % Omega-3-Anteil sondern womöglich 70-90 %.

Abb. 3: Fish oil - Barry Sears' Wundermittel für Olympia-Athleten.
Abb. 3: Fish oil – Barry Sears‘ Wundermittel für Olympia-Athleten.

Er war und ist der Auffassung, dass man Entzündungen jeglicher Art bekämpfen muss, sonst gefährdet man die Insulin-Sensitivität. Das ist keine Idee von ihm … Anti-inflammatorische Medikamente (Beispiel Aspirin) sorgen als nette „Begleiterscheinung“ dafür, dass man eine bessere Insulin-Sensitivität erntet (Nein, ich mache keine Werbung für Medikamente und das ist auch keine Suggestion!). Das liegt daran, dass sie einen Entzündungsstoff namens NF-κB hemmen. Das tun Omega-3-Fettsäure auch.

Barry Sears begründete die Gabe aber auch damit: je weniger Entzündungen im Körper zu finden sind, umso besser ist die „tissue oxygenation“, also die Sauerstoffversorgung von Geweben. Aha.

Man sollte vielleicht noch erwähnen, dass Barry Sears mehrere Olympia-Goldmedaillen-Gewinner damit „gemacht“ hat und auch Betreuer der großartigen Dara Torres war, die mit über 40 Jahren nochmal an olympischen Spielen teilnehmen konnte. Übrigens hat die ein Produkt von Mark Warnecke geschluckt … mit viel Arginin. Resultat: Bestzeit. Mit 40+.

Also … habe ich genau 8 Wochen vor der Prüfung angefangen Omega-3-Kapseln zu schlucken. Damit der „richtige Effekt“ erst zum Termin spürbar wird, dachte ich, nehme ich zunächst 30 g Fischöl (!) à 10 g Omega-3-Fettsäuren. Die letzte Woche vorm Wettkampf dann 60 g Fischöl à 20 g Omega-3-Fettsäuren.

Natürlich wurde mein Blut dünner. Das Herz musste sich weniger anstrengen, schlug merklich „lockerer“, „fröhlicher“ vor sich hin. So hat sich das jedenfalls angefühlt.

Die Herzrhythmusstörungen habe ich in der Zwischenzeit ausgemerzt mit Magnesium, das hat gut geholfen, Omega-3 hat dann dafür gesorgt, dass die nach einer gewissen Zeit komplett verschwunden waren. Sehr gut. Läuft.

Der große Tag kam und ich war die 3000 m nicht ein einziges Mal am Stück gelaufen. Ich habe mich einfach nicht getraut.

Der Tag der Wahrheit: Ausdauertest

Am Abend vorher … die „Reis-Party“ beim Chinesen. Am Wettkampftag ernährte ich mich nur von Eiweißriegeln mit hohem Kohlenhydratgehalt … „Vielleicht bringt die durch Low-Carb-Ernährung induzierte Glykogen-Superkompensation ja was …“ Ich glaube, ich war der einzige Athlet mit solchen komischen Gedankengängen. Andere kommen, sehen und siegen … 🙂 Und essen in der Pause Banane.

So eine Sporteignungsprüfung beschränkt sich leider nicht nur auf einen Ausdauertest und zu allem Übel war der auch noch am Ende des Tages. 5 Uhr morgens ging’s für mich los. In der Zwischenzeit habe ich diverse Ballsportarten, einen Sprint, Hochsprung, Geräteturnen, Wurf, Schwimmen … gemeistert. Ein bisschen schnell, hart und kurz schwimmen (ganz mein Ding), das kann ich. Nur leider waren die Beine danach so sauer, dass ich kaum aus dem Becken kam. Und jetzt … 3000er-Lauf?

Also stand ich – nach gefühlten 20 Stunden – irgendwann am Start in einem Stadion (ich hasse Stadien!) auf Sandbahn (ich hasse Sandbahnen!). Kurz vorher war ich auf die Toilette gehuscht und habe mir – ich kam mir vor wie ein Drogenjunkie – 10 g Arginin einverleibt.

Ich habe mich gefühlt wie im falschen Film, ich wusste ja überhaupt nicht, was jetzt passieren wird.

Der Lauf an sich „lief sich“ erstaunlich gut. Natürlich musste ich (im Kopf) unendlich „beißen“, aber das war ich gewohnt. Im solchen Situationen ist man „woanders“. Ich habe deutlich gespürt, dass ich bei 4:00 min/km hart an der anaeroben Schwelle laufe … keine Glanzzeit, aber reicht aus. (Einziger Wermutstropfen: 2 Leichtathletinnen haben mich unter tosendem Applaus einer Mutter überholt, die die Zeiten zugerufen hat – daher wusste ich auch die Zeit …)

In der Tat konnte ich die Laufgeschwindigkeit (m/min) über weite Strecken halten bis … ich die heftigsten Herzrhythmusstörungen bekam, die ich je hatte und das während der härtesten Belastung, die ich je erlebt habe.

Jetzt kommt das mentale Training ins Spiel. Ich hätte niemals aufgegeben, lieber wäre ich gestorben als danach traurig, enttäuscht nachhause zu fahren, das Ego auf Lebenszeit angeknackst.

Also bin ich weiter gelaufen mit der Erwartung, dass ich gleich umkippe und sterbe.

Es ist nichts passiert. Stattdessen lag ich nach 12:30 min im Ziel auf dem Boden und erlebte den glücklichsten Moment in meinem Leben. Niemals mehr habe ich mich so gefreut wie nach diesem Lauf (wird vielleicht überboten, wenn ich Vater werde… :-).

Was können wir daraus lernen?

Ich weiß nicht, welche Intervention letztendlich dafür gesorgt hat, dass ich plötzlich laufen konnte (und das, nach x Stunden Sport an der Leistungsgrenze).

Punkt 1) Mentales Training kann Gold wert sein. Oder besser: Die „richtige“ Einstellung. Was heißt richtig … die oben erwähnte Einstellung hilft einem, womöglich an die absoluten Leistungsgrenzen zu kommen, die man im Training niemals oder nur sehr ungern erreicht, aber es sorgt auch dafür, dass man ein großes gesundheitliches Risiko eingeht. Denn … „lieber wäre ich gestorben“. Das war ernst.

Abb. 5: Be formless. Shapeless. Like Water. Wie viel kommt aus dem Kopf?
Abb. 4: Be formless. Shapeless. Like Water. Wie viel kommt aus dem Kopf?

Aber: Die Leistung oben kam höchst wahrscheinlich aus dem Kopf. Wie viel Prozent (von der Leistung) war „biochemische Trickserei“ und wie viel Prozent davon war mentale Kraft? Ganz egal.

Punkt 2) Biochemie ist real. Aber (eventuell) auch gefährlich. Ich möchte das hier klar zum Ausdruck bringen. Nur absolute Spinner hauen sich 60 g Fischöl in die Birne. Warum? Weil man dann zu Blutungen neigt. Ein Freund von mir durfte deswegen nicht operiert werden, Blutgerinnung war nicht in Ordnung. Heißt also: Nein, Chris edubily empfiehlt nicht, dass man sich nur noch von Omega-3-Fettsäuren im Hochdosis-Bereich ernährt. 

Punkt 3) Mein Arginin (heute: Citrullin) gebe ich nie wieder her.

Was wir sehr sicher sagen können: Alles hat seine Nachteile und je extremer man etwas praktiziert, umso höher sind auch die Risiken, die man eingeht. Ich hätte mit der oben geschilderten Intervention auch total auf die Schnauze fallen können … ABER! Es gibt immer Möglichkeiten, um das schier Unmögliche möglich zu machen. Wir unterschätzen uns.

Im Übrigen: 2 Jahre später bin ich 3000 m in 10.45 gelaufen. Dank Training und Biochemie natürlich.

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8 Kommentare, sei der nächste!

  1. Hi Chris,
    beeindruckende Schilderung.
    Heute würdest du es besser machen (ohne an lebensgefährliche Grenzen zu gehen). Du bist wahrscheinlich nur deshalb NICHT gestorben weil du noch sehr jung warst und dein System da noch “Überlebensreserven” hat.

    Für uns “Normalos” nicht zu empfehlen.

    Werner

  2. Schon kurios der Artikel! Ich persönlich wäre diese Zeit wahrscheinlich aus dem Stand heraus gelaufen, fast ohne Vorbereitung. Ich sehe auch fast so aus, wie ein Kenianer in weiß ;-). Dafür ist es für mich unendlich schwer endlich mal sichtbare Muskeln aufzubauen. Und leider will man ja immer das, was man selber nicht hat. Da sieht man mal wieder, wie entscheidend die Genetik ist…

    1. Hallo HHF,

      ganz ehrlich: Ein guter Läufer bin ich nicht und werde es nie sein, auch wenn ich 3000 m dann später in 10.45 gelaufen bin.

      Genetik ist tatsächlich ein sehr schwerwiegender Faktor.

      Herzlich,
      Chris

  3. Coopertests sind mein größter Nemesis. Für Zeiten von 10:45 würde ich töten. Selbst zu meiner Militärzeit, wo ich ausdauertechnisch eigentlich vollkommen fit sein müsste, bin ich immer an der 13:30 Grenze rumgedödelt und selbst dabei schon verreckt. Wusste nie, welches Tempo das richtige war – zu schnell, und ich bin eingegangen, zu langsam, und ich habe die Zeit verhauen. Mein Zugführer, der Sport studiert hatte, ist 11:20 gelaufen und war der Schnellste. Werde interessehalber mal demnächst wieder das Projekt starten und schauen, wie ich mittlerweile fahre (nach der ganzen Supplementierung).

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