Wahn und Motiv – ein mentaler Ausblick

Leider leben wir heute in einem Zeitalter, in dem nicht mehr eine punktuelle Leistungsfähigkeit gefordert und gewünscht ist. Vielfach haben wir heute den Eindruck, dass wir konstant „mehr“ leisten müssen. „Mehr“, weil es scheinbar verlangt wird und auch „mehr“, weil wir konstant den Eindruck haben, dass andere besser sind, als wir.

„Ich selbst sein? Nö, danke“

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„Einmal ‚like‘, bitte!“

Das Paradoxe ist, dass wir uns dabei vielfach nicht mehr trauen „wir selbst zu sein“, stattdessen laufen wir Idealen hinterher, Extremen, die selektiert in den Medien und in der medialen Welt präsent sind. Statt diesen Kreislauf zu entkräftigen, machen wir etwas ganz anderes: Wir fördern Extreme dadurch, dass wir sie „liken“ – völlig ungeachtet der Tatsache, ob dieses Extrem durch „Schummeln“ erreicht wird oder nicht.

Im Buch thematisiere ich das. Dort schreibe ich, dass das Gehirn deutlich besser darin ist, zu pauschalisieren – im Vergleich zur Differenzierung. Oder anders ausgedrückt: Wir tun uns schwer Dinge objektiv, im Geist, zu messen und zu analysieren, stattdessen werden wir durch unser eigenes Gehirn geblendet und womöglich in eine Welt der Katastrophen gestürzt.

Warum? Weil Extreme nur selten replizierbar sind.

Die alltägliche „Evolution“

Ich schreibe im Buch, dass wir alle eine kleine Evolution durchlaufen im Leben. Wir landen genau dort, wo wir hinsollen. Daher ähneln sich alle Professoren, alle Profi-Schwimmer sehen gleich aus, alle Mütter verhalten sich ähnlich und die Physiker erkennt man schon, bevor sie etwas gesagt haben.

Unser Problem ist, dass wir diesen Evolutionsprozess selbst herbeiführen wollen. Anstatt zu sagen „Okay, ich lasse mich vom Leben treiben, bis ich dahin komme, wo mich das Leben haben will“, sagen wir „Ich will auch ein Model werden“. Natürlich gibt es auch so etwas wie ein inneres Navigationssystem, das uns ungefähr aufzeigt oder aufzeigen könnte, ob wir für so etwas gemacht sind oder nicht. Aber wie oft hören wir auf unsere „leise Stimme“ und wie oft hören auf unseren Verstand, auf unser „Leistungsdenken“? Wieso soll ich Maler werden, wenn ich auch Bundeskanzler sein kann?

Und da fängt ein großes Missverständnis an.

„Talent is overrated“? Na ja – Genetik ist „underrated“

Ich habe mal ein Buch gelesen, das hieß „Talent is overrated“ – Talent wird überbewertet. Zählt nicht. Das, was zählt ist Fleiß. Das hat der Autor „herausgefunden“ – jeder, der Expertise-Level erreichen will, der muss 10.000 Stunden „üben“ – das nennt man „deliberate practice“.  Das passt ja super in unser Leistungsdenken. „Ich muss nur 10.000 Stunden eine Sache üben, dann bin ich der Beste“, oder so ähnlich.

Das kam mir dann wieder in den Sinn, als ich an meine Triathlon-Zeit zurück gedacht habe. Ich, der jeden Tag Diät macht, nur Eiweiß isst, alles weiß, ständig analysiert und für seine Ziele sterben würde – ich bin dann ja auch fast gestorben. Unterbewusstsein kennt da nix. Ich hätte wirklich alles gemacht, um meine damaligen Ziele zu erreichen. Und wenn es um meinen Körperfettanteil ging, da habe ich nie verstanden, warum Person XY immer weniger Fett hatte als ich, immer definierter war, als ich, obwohl der doch gar nix dafür gemacht hat. Stattdessen habe ich immer noch mehr Gas gegeben, denn ich wollte ja meine Ziel erreichen.

Der hat geschenkt bekommen, wofür ich alles Geld auf der bezahlt hätte.

Gleiches „Problem“ habe ich mal im TV gehört. Da war eine Talk-Show und eingeladen war auch die letztjährige „Dschungelkönigin“, mir fällt der Name gerade nicht ein. Sie hat darüber geredet, dass sie alles auf der Welt getan hätte, um Model zu werden. Und sie kann einfach nicht verstehen, wie jemand wie Larissa Marolt, die ja tatsächlich Model ist, so gedankenlos mit ihrem Dasein umgeht. Da beschwert sich also eine, die für ihre Ziele alles gemacht hätte – Anmerkung: Die Brüste sind nicht echt – über jemand, die es „einfach geschenkt“ bekommt. Die Welt ist aus dieser Perspektive wahrlich nicht fair.

Oder doch?

Dein Problem: Du glaubst nie an Genetik oder so etwas. Du denkst immer, natürlich begünstigt durch unsere Motivationsgurus, dass du alles erreichen kannst auf der Welt, wenn du nur Gas gibst.

Lüge! Wir brauchen keine Motivationsgurus, nur uns selbst

Und das sehen wir an spielenden Kindern. Die machen von Natur aus genau das, was ihnen Spaß macht. Die machen das, bei dem sie instinktiv ihre Talente benutzen. Und üben 10.000 Stunden natürlich so „nebenbei“. Du machst etwas anderes. Du erdenkst dir deine Welt und übst auch 10.000 Stunden – aber nicht mal so „nebenbei“ und mit Wohlgefühl, sondern mit Zähneknirschen und dem Ego im Kopf.

Was ich damit sagen will: Wenn dir auf dieser Welt etwas gehört, dann bekommst du es sowieso, dann geht es spielerisch leicht, fast von alleine. Dann wirst du Experte auf deinem Gebiet, auch ohne irgendwelche Motivationsbücher.

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Wenn du dich anstrengst, bekommst du vielleicht ein Fleiß-Kärtchen … oder einfach nur „Burn-Out“

Du solltest einfach dahin gehen, das machen, wo der – gefühlt – niedrigste Widerstand ist. Ich habe zwar gelernt, dass es immer wehtun muss, dass man immer dahin gehen muss, wo es weh tut, damit es etwas bringt, aber bezogen auf deine langfristige Entwicklung, auf das Erreichen deines persönlichen Maximums … stimmt das eben nicht.

Natürlich musst du selbst dann manchmal „hart“ arbeiten, wenn du voll im Einklang mit deinem inneren Navigationssystem bist. Aber diese „harte“ Arbeit empfindest du als Spiel, nicht als Belastung. Die Liebe zur Sache geht niemals verloren.

Also überdenke bitte deine Ziele und frage dich genau, ob dir das, was du willst, „in den Schoß fällt“ oder ob du dich jeden Tag fühlst, wie ein Sklave, der Steinblöcke ziehen muss.

Und, um nochmal an den Beginn anzuschließen: Willst du selbst „ein Extrem“ sein, dann solltest du deine genetische Disposition sehr gut kennen. Womöglich bist du eine „extrem“ gute Mutter oder ein „extrem“ guter Schreiner. Du musst kein Bundeskanzler werden.

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  • Moin Chris,

    Deliberate Praxis bedeutet nicht, dass man bloß 10.000 Stunden übt. Vielmehr ist es eine Art der Praxis. Mit der RICHTIGEN Praxis sind 10.000 Stunden die Voraussetzung dafür, dass man ein Meister seiner Tätigkeit wird.

    Im Buch vergleicht er z.B. auch die Fähigkeit von Mozart mit modernen Musikern und stellt fest, dass die Meister von damals (schlechtere Übungspraxis) die Mittelmäßigen von heute sind.

    Viele Grüße
    Sascha

    • chris

      Hallo Sascha,

      gar keine Frage – natürlich beinhaltet deliberate practice mehr als nur 10.000 Stunden dumpfes Auswendiglernen oder Üben. Mein Punkt war aber viel mehr, dass in vielen anderen Motivationsbüchern einfach nur die Zahl 10.000 auftaucht und das dann auch gerne als Beispiel dafür genommen wird, dass man nur genug üben muss, dann klappt das schon. Dass deliberate practice „mehr“ ist, wollte ich auch andeuten durch den Vergleich im Laufe des Textes: DP lässt sich nicht erreichen, wenn man nicht besonders in der Sache aufgeht, man keine besondere Affinität und Liebe dazu hat.

      Vielen Dank für’s Feedback.

      Chris