Die „heilige“ ketogene Diät – ein Kommentar

Vorab: Frohe Weihnachten an alle Leser – ich hoffe, euch geht es gut und ihr denkt nicht so viel darüber nach, ob ihr euch jetzt korrekt ernährt oder nicht. Man muss nicht übertreiben.

Oder vielleicht doch?

Ketogene Diäten waren „in“, da wussten viele Mainstream-Wissenschaftler, Ärzte und Normalos noch lange nicht, dass so etwas überhaupt „wirken“ kann. Heute gibt es kaum ein Buch, das nicht von „low carb“ spricht, selbst Veganer springen auf diesen Zug auf.

Es ist wahrlich „krass“, wenn man die Entwicklung betrachtet.

Ich war dabei seit 2009, seit Anfang 2009 kannte ich diese Kostform und habe mich linear zu der „Szene“ gesteigert in meinem Denken und meinem Handeln. Ich habe aber vor allem eine Sache gemacht: Immer vertraut auf diverse „Anführer“ der Szene, die der Meinung waren, dass ketogene Diäten das A und das O sind bezogen auf Gesundheit, bezogen auf Langlebigkeit, bezogen auf „Heilung“.

Im Prinzip war ich Teil der amerikanischen „Paleo“-Welle mit all seinen Höhen und Tiefen – jetzt, 5 Jahre später (Internet sei Dank, normalerweise dauert es 10) – beginnen diese Tendenzen auch bei uns zu „wirken“. Wir können davon ja sogar in Frauenzeitschriften lesen. Das bedeutet für uns: „Der heilige Gral“ ist nun auch bekannt in der Normalbevölkerung.

Weil ich genau weiß, wie das hier ausgeht, also in Deutschland, möchte ich einen kleinen Rückblick gewähren:

Loren Cordain war, nach Boyd Eaton, der Erfinder der „Steinzeit-Diät“. Eigentlich war es Boyd Eaton irgendwann Mitte/Ende der 90er-Jahre (!), der ein Buch dazu geschrieben hatte. Loren Cordain hat dann einfach Studien gesammelt und für uns ein kohärentes Gesamtbild konstruiert.

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Die Anfänge von „Paleo“ (1989): „The Paleolithic Prescription“ (Boyd Eaton)

Ursprünglich war der Tenor, dass wir insgesamt weniger Kohlenhydrate essen sollen, mehr Eiweiß, bessere Fette, wir sollen uns mehr bewegen und auch unsere Mikronährstoff-Zufuhr überdenken, gleichzeitig aber auch testen, in wie weit wir reagieren bei Konsum von Milch und Weizen, das seit kurzer Zeit auf dem Speiseplan des Menschen steht – das alles klingt hervorragend, oder? Kein Wunder – diese (!) „Pay-Lee-Oh-Diet“ (Paleo) schnitt bezogen auf die Verbesserung von kardiovaskulären Risikofaktoren etc. sogar besser ab, als die bisher unverwundbare „mediterane Ernährung“ – Steinzeit-Mensch schlägt die Kreter.

Der Mensch aber kann sich nicht an den oben genannten Dingen erfreuen, er strebt konstant Verbesserungen an. Und da viele „Vordenker“ deshalb „Vordenker“ sind, weil sie mehr lesen, mehr recherchieren als andere, hat man natürlich weiter gedacht. Man hat hinter die Ausführung von Cordain, die übrigens bis heute Bestand hat, keinen Punkt gemacht – nein, man hat die Geschichte weitererzählt.

Irgendwann nämlich kamen diverse „berühmte“ amerikanische Blogger (u. a. Wissenschaftler) auf die Idee, dass Cordain ja eigentlich nur Halbwahrheiten erzählt. „Gesundes Fett“ soll Rapsöl sein? Das kann doch gar nicht sein.

Seht ihr hier, wie man sich von Stufe-2-Denken verabschiedet auf Stufe-1-Denken und dabei „glaubt“, dass man doch alles irgendwie begründen kann? Stufe-2 war, dass Cordain, wissenschaftlich korrekt, diverse (Zell-)Studien zum Thema Fett ausgewertet hat. So wie ich das hier gemacht habe. Und natürlich, wie jeder Vernunftbegabte, sieht, dass das mit dem Cholesterin und Fett im Blut („Die Cholesterin-Lüge“) gar nicht so gelogen war, sondern tatsächlich überprüfbar ist anhand von Zell-Studien! Keine Korrelation, kein Ancel Keys, sondern nachweisbar. Als Beispiel: Palmitinsäure (eine gesättigte Fettsäure) zerstört die ß-Zellen deiner Bauchspeicheldrüse! 

Logischerweise hat Cordain dann ein Öl empfohlen, das nachweislich eine bessere Fettsäure-Komposition hat. Und wer will denn Knochenmark essen, das eine solche „ideale“ Komposition aufweist? Niemand. Also hat er Rapsöl empfohlen.

Stufe-2-Denken war dann, dass Rapsöl nie verzehrt wurde und deshalb „ja auch nicht gesund sein kann„.

Emotionales Verlangen > rationaler Verstand

Wie irrational solche Gedanken sind, sehen wir dann, wenn diverse Vertreter später für den Konsum von Butter plädieren, die aber doch auch niemals verzehrt wurde von unseren Vorfahren. Oder hatte der Cro-Magnon Milchkühe? Nein, aber man wollte sich selbst den Verzehr rechtfertigen, denn unser Gehirn weiß schon, dass Butter gut schmeckt.

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Das Essen hat selten etwas mit „Essen“ zu tun, sondern mit Verlangen.

Nun – natürlich dauerte es nicht lange … Zu jeder Bewegung, gibt es eine Gegenbewegung. Und so kam es, wie es kommen musste. Jahrzehnte wurde „low fat“ empfohlen und dennoch wurde Amerika immer dicker. „Daraus folgt“, dass „low fat“ nix gebracht hat. Ja, meine Frage: Wer hat denn kontrolliert, dass auch jeder Amerikaner brav „low fat“ isst? Gibt’s im McDonalds dort jetzt „Low-fat“-Burger oder wie?

Man nutzte dann also eine Korrelation, um zu zeigen, dass „low fat“ nicht der Weg sein kann. Und überhaupt: Wer von unseren Vorfahren hat denn jemals „low fat“ gelebt? Niemand. Stimmt. Oder doch nicht?

Das Kohlenhydrat-Fiasko und „das Wunder der ketogenen Diät“

Aus einer anfänglichen „Reduktion der Kohlenhydrat-Menge“, man solle nun seine Kohlenhydrate aus Obst, Gemüse und Nüssen beziehen, wurde ein … „Moment mal … die hatten doch aber früher auch nicht das süße Obst von uns heute, oder?“. Gepaart mit „Neuigkeiten“ aus der Forschung (Ketogene Diäten gegen Krebs, ketogene Diäten gegen Alzheimer, ketogene Diäten gegen entzündliche Erkrankungen, ketogene Diäten gegen Epilepsie usw. plus „high blood sugar“ macht Entzündungen, „high blood sugar“ macht Alzheimer, „high blood sugar“ macht Leberfett, „high blood sugar“ macht Insulin-resistent usw.) kam man schnell auf die glorreiche Idee, dass der von Cordain empfohlene Kohlenhydrat-Anteil in der Ernährung (40 %) ja auch nicht das Wahre sein kann. Der irrt sich bestimmt!

Außerdem war seit Atkins bekannt, dass „VLC (very low carb) diets“ satt machen. Da kann man dann so viel Fett essen, wie man will, man bleibt satt und das Gute: Man wird sogar schlank.

Das liegt natürlich alles am Insulin – Gary Taubes sei Dank – das uns fett macht und das böse Speicher-Hormon schlechthin ist.

Das Bild – bezogen auf Kohlenhydrate – wurde also immer kohärenter. Dass da natürlich tausende Denkfehler vorhanden sind, das wollte und konnte man nicht wahr haben. Wir Menschen lieben Lösungen, hassen das Problem-Denken, daher bevorzugen wir auch, manchmal das ein oder andere „Problemchen“ zu übersehen, so dass am Ende das Bild (für uns) stimmig ist.

Wir alle dachten, „das ist die ultimative Logik“ – alles macht Sinn, das Weltbild ist rund. Das dachten wir aber nur deshalb, weil wir selbst niemals die Studien gelesen haben, selbst niemals für uns gedacht haben, sondern „uns haben denken lassen“.

Irreführung durch Menschen, die auch nur Menschen sind

Von wem? Na, von „Paleo“-Bekanntheiten.

Ich glaube nicht, dass wir in Deutschland irgendwie nachvollziehen können, wie viel „Macht“ solche Blogger in der Szene hatten und haben. Es wurde das Ancestral Health Symposium (AHS) ins Leben gerufen, wo genau diese Menschen reden durften und eine extreme Bekanntheit erlangten (du kannst das mal bei youtube eingeben). Nur, dass wir uns richtig verstehen: Das waren Blogs mit teilweise 1.000.000 Besucher pro Monat. Also eine unfassbar große Menge.

Die ganze Szene baute sich auf und stützte sich durch genau diese Menschen.

Warum habe ich gerade die oben genannt?

Weil kein einziger, der das damals postuliert hat, heute noch „ketogene Diäten“ praktiziert. 

„Correlation does not imply causation“ – der Kontext zählt

Im Gegenteil … Heute sieht man die Fehler, die man selbst gemacht hat, klarer denn je. Jetzt wird – wie so oft – das Gegenteil davon gemacht. Heute sucht man den Fehler nicht mehr bei der staatlichen Behörde, bei Ancel Keys oder bei der Low-Fat-Kampagne, sondern bei der postulierten Theorie, die hinter einer ketogenen Diät steckt. Übertragen auf Deutschland: Die kritisieren jetzt nicht mehr die DGE, also unsere Aufsichtsbehörde bezogen auf Ernährung, sondern überdenken mal das eigene Verhalten (schönen Gruß auch an die vielen Leute, die wie Äffchen alles nachplappern: ‚Die Wissenschaftler der DGE sind Verbrecher‘).

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„Insulin-Resistenz entsteht durch Kohlenhydrat-Konsum, weil deshalb ja Insulin gebildet wird“

Nein – plötzlich konnte man differenziert denken. Plötzlich waren es ja nicht mehr die Kohlenhydrate per se, die dick machen – nein, da war die Insulin-Resistenz schuld, die aber – auch das hat man plötzlich begriffen – ursächlich nichts mit Insulin zu tun hat, sondern mit zu viel (Hüft-)Speck und zu viel Entzündungen (die sich gegenseitig bedingen). Plötzlich hat man die Augen aufgemacht und hat gesehen, dass wir ja immer nicht von „Kohlenhydraten“ reden, wenn es um schädliche Wirkung geht, sondern um „HIGH blood sugar“, also ein völlig nicht-physiologischer Zustand, den wir bei normalen Menschen gar nicht beobachten. Plötzlich war Insulin nicht mehr das „fat storage hormone“, das Hormon, das uns dick macht, sondern ein Hormon, das uns satt macht, das ein wichtiges Signalmolekül ist, wenn es um Reproduktion geht (Schilddrüsenhormone! Testosteron!).

Plötzlich erkannte man, wie absurd man sich verhält … Man ernährt sich nur noch von Butter, Sahne und Rinderfett. Plötzlich wurde klar, dass ketogene Diäten dann helfen, wenn man wirklich krank ist – aber dass ketogene Diäten auch Nachteile haben (z. B. physiologische Insulin-Resistenz). Plötzlich war nicht mehr jeder ein „Vegan-Fundamentalist“, der von Lindebergs Kitava-Studie und dem Kohlenhydrat-Konsum von Langlebigen berichtete.

Jetzt erkannte man … es gibt auf der Welt so etwas wie KONTEXT

Kontext bedeutet … Ketogene Diäten eignen sich womöglich für jemanden, der seine durch Fettsäure verursachte Insulin-Resistenz loswerden möchte. Kontext bedeutet aber auch, dass eine chronisch praktizierte ketogene Diäten selbst Insulin-resistent macht – auch dann, wenn man wieder schlank ist.

Kontext bedeutet … Ketogene Diäten mögen anfänglich wahre Wunder bewirken, dann, wenn man mal den Schwabbel los wird, dann wenn man mal mehr Protein isst und seinen Körper mal Fett verbrennen lässt. Kontext bedeutet aber auch, dass eine chronisch praktizierte, isokalorische ketogene Diät heißt, dass man – nicht wie anfänglich! – deutlich mehr Fett essen muss irgendwann und das dann …

… einhergeht mit diversen Phänomenen, die ich bei meinen Klienten und in der Blogosphäre nun sehr, sehr oft beobachten konnte:

Mögliche Nachteile einer ketogenen Diät

Ketogene Diäten induzieren potent eine physiologische Insulin-Resistenz, die nicht selten eine chronische Blutzucker-Konzentration von bis zu 130 entstehen lassen. Beim Arzt hieße das: „Sie sind ein Fast-Diabetiker“. Aber hey … es ist ja eine ketogene Diät – diesen Zustand kann man ja dann rechtfertigen. Nein! Blutzucker ist Blutzucker. Wie soll der Körper denn Insulin-sensitiv werden, also Kohlenhydrate verarbeiten können, wenn wir nur noch Fett essen? Dieses Thema habe ich so oft hier diskutiert.

Ketogene Diäten erhöhen potent den Cholesterin-Spiegel im Blut. Anfänglich nicht, weil man da ja vermehrt von seinen Fettpolstern lebt. Aber spätestens dann, wenn man sich mal „ran traut“ an den Speck, an das Öl, an die schwarze Schoki und mal „isst, wie ein Mann“ – dann sehe ich eure Blutwerte mit Cholesterin > 200, meistens 250. Ich habe damit kein Problem – wenn der HDL-Wert gut ist, wissen wir ja neuerdings, dann braucht man sich nicht zu fürchten. Nur leider trifft das selten auf euch zu. HDL von 50 ist eher „normal“, als HDL > 65. Und wir wissen seit Roberts (Studie im Buch), dass wir bei familiärer Hypercholesterinämie (Cholesterin 300) abdanken noch vor unserem 50. Lebensjahr. Aber: „Cholesterin hat mit Arteriosklerose nix zu tun“. Das erzählst du dann als Laie.

Das alles macht ja nichts.

Macht ja auch nichts, dass wir nach jahrelang praktizierter ketogenen Diät dann eine hepatische (= Leber) Insulin-Resistenz bekommen, denn die ist total verfettet. Wie sonst sollen denn Keton-Körper entstehen? Die entstehen dadurch, dass sich massiv Fett in der Leber anreichert und bei der Oxidation eben solche Zwischen-Produkte entstehen.

Ich weiß, ich weiß. Man kann sich alles rechtfertigen.

Ganz ehrlich: Mir ist Cholesterin von 150, Blutzucker von 90-100 und eine schöne Leber lieber, als „ich praktiziere die genetisch korrekte Kost“.

Wie sich Einsicht und Differenzierung anhört

Nochmal zu den vorhin genannten Bloggern … einige schöne Zitate:

Richard Nikoley

Hohen Blutzucker zu haben und als Diabetiker bezeichnet zu werden ist krankhaft, aber eine ketogene Diät zu praktizieren, dabei hohe Blutzucker-Werte zu haben, ist ‚perfekt gesund‘?

Don Matesz

Ich kann nicht länger sagen, dass eine „Paleo“-Diät „high fat“ ist – ich kann es auch nicht länger empfehlen. Ich selbst hatte eine dramatische Verschlimmerung meiner Beschwerden, habe sogar massive Fettknoten (im Fettgewebe) entwickelt, meine Verdauung ist durch das ganze Fett extrem langsam und schleppend geworden und ich nehme auch nicht mehr ab, trotz „0 Kohlenhydrate“.

Stephan Guyenet

Mein Tierarzt hat mir erzählt, dass Hunde – genetisch betrachtet – durchaus in der Lage sind, Stärke zu verzehren. Sie verfügen über Amylase-Gene usw. Damals war meine Sicht der Dinge sehr vernebelt von meinem eigenen Low-Carb-Dogma, heute verstehe ich das. Irgendwie hatte ich immer tief in meinem Kopf, dass Hunde reine Fleischfresser sind …

Robb Wolf

Ich habe keine Lust mehr auf diese ganzen Low-Carb-Dschihadisten, die täglich ankommen … Ich bin dermaßen ausgebrannt, was das Thema „Nahrungsmittel-Krieg“ angeht.

Chris, CR

Ich fühle mich nicht mehr wohl, wenn ich an meine eigenen Empfehlungen denke, die ich in der Vergangenheit ausgesprochen habe. […] Ich habe abgenommen … einfach nur durch weniger Kalorien.

Art de Vany

Ich frage mich oft, warum die „Paleo“-Diät zu einer „high fat diet“ geworden ist […] Das habe ich persönlich niemals so praktiziert.

Ein Tipp für dich

Wenn du nur funktionierst „in der Ketose“, dein Körper sofort anfängt zu „spinnen“, wenn du 5 g Kohlenhydrate zuführst, dann solltest du dir ernsthaft (!) Gedanken darüber machen, ob du nicht ein anderes, richtig grundlegendes Problem in deinem Systemchen hast und das es womöglich wenig mit dem Kohlenhydrat per se zu tun hat, sondern viel mehr mit einer metabolischen Dysfunktion, die ihre Ursachen sehr wahrscheinlich nicht im Kohlenhydrat-Konsum hat. Wenn du deine Insulin-Resistenz, deinen hohen Blutzucker kompensierst durch Kohlenhydrat-Restriktion, dann hast du den Zustand nicht „geheilt“ – Kompensation ist nicht Heilung.

Abschluss

Bevor jetzt wieder Hass-Nachrichten und Rechtfertigungen kommen: Bitte, praktiziert das, was euch liegt. Aber behaltet auch die Nachteile im Kopf und behandelt eure Ernährung nicht wie eine Religion – man muss nicht beleidigend werden, nur weil einer nicht ketogen lebt und auch nicht verstehen kann, warum es Menschen gibt, die nicht ketogen leben.

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  • Tom

    Diese Abhandlung über Entstehung und Verfall von Dogmen der Ernährung lese ich mit einem interessierten Schmunzeln, während ich 1,5 kg Ofenkartoffeln gefolgt von 200g Buchweizen verzehre…und frage mich: bin ich nun nicht auch nur dem heiligen „no gluten“ Wahn verfallen?
    Wayne…Das „Bauchgefühl“ sagt…weiter so! Wie auch meine Intuition Dir ein „weiter so“ bezüglich des Schreibens entgegenschleudert, obwohl mir auf einer tieferen Ebene deine „Reduktionistische Weltsicht“ etwas aufstößt. (Wie schon in älteren Kommentar-Diskussionen etwas angerissen)
    Aber wie meinte Churchchill bereits… „Wenn zwei Menschen immer dasselbe denken, ist einer von ihnen überflüssig“ 😉

  • chris

    Hallo Tom,

    Gott sei Dank nimmst du die Meta-Ebene ein, lehnst dich zurück und lässt die ganzen Dogmen an dir vorbeilaufen 🙂

    Na ja – was willst du denn auf einer solchen Seite lesen? Eine 500-seitige Abhandlung zum Thema Ketose und menschlicher Eigenheit? Oder einen knackigen Text, den man versteht und der prägnant erzählt, was man eigentlich will.

    Ich finde, dass es einigermaßen erwähnenswert ist, dass ich versuche, Dinge von einigen Seiten zu beleuchten, sprich versuche, Dinge differenziert darzustellen.

    Aber um Reduktionismus kommt man nicht herum, wenn man eine Message senden will – und das ist letztendlich auch das, was zählt. Zumindest dann, wenn man sich einer gewissen Wahrheit nähert.

    Danke für’s Feedback.

    LG, Chris

  • Hi Chris,
    ich lese gerade Dein Buch, habe allerdings noch ca. 2/3 vor mir. Da ich auch regelmäßig Deine Homepage hier besuche, und auch die vom „Doc Strunz“, weiß ich nun, wie Du dich so peu à peu im Laufe der letzten 2 Jahre „leicht gewandelt“ hast.
    Beispiel: Chris vor ca. 2 Jahren (sinngemäß) „ich will nur AMPK ständig aktivieren, wegen Wachstumshormon, Autophagy etc.“. Chris heute: „AMPK und mTOR sind beide wichtig, es kommt auf das richtige Verhältnis an“.
    Klar, Selbsterfahrung und Weiterbildung, so muss es auch sein. Es ist für mich sehr spannend, das mit zu verfolgen, und mein Bauchgefühl sagt mir, dass Deine Ausführungen im Buch, und auch „zuletzt“ hier auf Deiner Blogseite „seine Richtigkeit“ haben.
    Dennoch, das Gleiche dachte ich bis vor Kurzem von Low Carb / Ketogener Diät etc. pp.
    Dr. Strunz wird ja nicht müde, dies als die einzig richtige Ernährungsform anzupreisen. Dr. W. Feil ist zwar nicht ganz so „krass“, dennoch gehen seine Empfehlungen auch in diese Richtung. Friederike Feil, seine Tochter, die ja eine sehr gute Cross-Läuferin ist, hat z.B. Mal geschrieben, dass sie sich zu ca. 70% aus Fett ernährt; da bleibt ja für die anderen beiden Makros nicht mehr viel Platz :-).
    Was will ich Dir eigentlich damit sagen? Es ist für mich, und auch für die Meisten, vermute ich, schwierig, die ganzen Zusammenhänge zu verstehen, und dann auch noch so umzusetzen, dass „das System richtig rundläuft“. Das ist jetzt keine Frust, die aus mir spricht, sondern vielmehr eine Feststellung. Es spornt mich an, mich mit der Materie weiter auseinander zu setzen und ich betrachte mich als „einen Suchenden“. Allerdings wäre ich schon froh, wenn ich einigermaßen „ankommen würde“ (Stufe 2-Denken); du weißt was ich meine :-).
    Viele Grüße und noch einen schönen Abend des 2. Weihnachtsfeiertags!
    Peter Buchmann

    • chris

      Hallo Peter,

      vielen Dank für deine Ausführung.

      In der Tat – ich war auch mal etwas extremer. Das beschreibe ich auch im Buch, am Ende, wenn es um ketogene Diäten geht. Ich bin mir sehr sicher, dass du am Ende des Buches einen klaren Einblick hast und auch weißt, wie ich letztendlich dazu stehe. Ich denke, dass du selbst in der Lage sein wirst, deinen „Lebensplan“ für dich zu gestalten.

      Man muss sich am Ende des Tages fragen, was ich eigentlich vom Leben will. „Nur AMPK“ würde bedeuten, dass ich meinen kompletten Zucker-Stoffwechsel und meine anabolen Signalwege stark reduziere.
      In Tier-Experimenten haben diese Tiere weniger Magermasse, weniger Fettmasse, weniger Knochenmasse usw. – am Ende aber bleiben sie lebensfähig bis ins hohe Alter.

      Das Problem daran ist, dass wir Mäuse nicht fragen können, wie es sich anfühlt mit diesen vielen katabolen Hormonen – wir können Mäuse nicht fragen nach ihren Lebensgefühl.

      Ich bin mittlerweile soweit, dass ich sage: Ich möchte nicht 120 werden, wenn das heißt, dass meine komplette reproduktive Kapazität minimiert wird zugunsten von Zellerhalt.

      Viel mehr möchte ich einen starken, vitalen und kräftigen Körper behalten, der mir dann auch entsprechende Hormone bildet (IGF etc.) – was ich nämlich glaube ist, dass Strunz das noch nicht so verstanden hat. Ketogen bedeutet – wie bei Feil – fast ausschließlich von Fett zu leben. Dies wiederum bedeutet, dass man das Fasten mimt – das ist bezogen auf Langlebigkeit etc. mit Sicherheit sehr gut, aber die Langzeitfolgen bezogen auf T3, Testosteron und vor allem Wachstumshormon, scheint vielen von diesen Vertretern noch nicht klar zu sein.

      Hemmt man mTOR mit Rapamycin und sorgt somit künstlich für den oben genannten „Fasten-Effekt“, dann werden die Tiere Insulin-resistent. Gleichzeitig scheint es paradox, wenn genau die oben genannten Vertreter, inklusive Low-Carb-Vertreter der USA, postulieren, dass Insulin-Sensitivität wahrscheinlich DAS Maß der Gesundheit überhaupt ist. Edit: Ich will hiermit dieses Paradoxon klar machen: Die Leute schalten mit ihrer „high fat“ Ernährung das insulin signalling aus, aber postulieren, dass Insulin-Sensitivität wichtig sei.

      Ich bin mittlerweile einfach weg von diesen Extremen – weiterhin muss man nicht chronisch AMPK aktivieren, das zeigen Studien zu intermittierendem Fasten etc. Daher habe ich auch temporäre Kalorienrestriktion hier eingeführt und als Eckpfeiler in den Vordergrund gerückt. Aber auch das beschreibe ich im Buch.

      Herzliche Grüße,
      Chris

  • Peter

    Ist der Schreibstil im Buch derselbe wie in diesen Posts? Klingt mir einen Hauch zu aggressiv und vielleicht auch eine Spur primitiv. Lektoren könnten vermutlich glätten helfen.

    Was die Insulinresistenz angeht: Google mal nach „metabolischer Flexibilität“ und nach der die IR induzierenden mitochondrialen Dysfunktion mit insuffizienter FS-Oxidation. Es ist besser, an den Ursachen von Störungen anzusetzen, als an diesen symptomatisch herumzudoktern.

    Und zur familiären Hypercholesterinämie mit frühem Tod: Meine Mutter hat seit Jahrzehnten Ges.Chol um 400 und wird dieses Jahr 82. n=1 oder sind andere Faktoren wichtiger als das Ges.Chol? Die Studienergebnisse zu Frauen in höherem Alter vs. Cholesterinspiegel deuten in diese Richtung. Allerdings werde ich nächstes Jahr 50 und habe Ges.Chol von 350+; wenn du nichts mehr von mir hörst, habe ich rechtzeitig den Löffel abgegeben.

    Trotz dieser tückischen Details: Weiterhin viel Erfolg – kritisches und „Querdenken“ ist richtig und wichtig. Aber hüte dich vor dem Irrglauben, endgültige Antworten besitzen zu können.

    • chris

      Hallo Peter,

      ist ja Gott sei Dank mein Blog und mein Buch – da darf ich den Umgangston selbst wählen, wie ich finde. Im Übrigen wurde das Buch von einem Lektor betreut. Er hat aber gar nichts geglättet – im Gegenteil. Du kannst ihn mal selbst fragen.

      Ich weiß nicht, wie oft du hier vorbeiguckst, aber metabolische Flexibilität und mitochondriale Dysfunktion thematisiere ich ständig (auch in meinen Artikeln auf Aesirsports.de) – in der Tat bin, glaube ich, der erste deutsche Autor, der „mitochondriale Funktion“ für den Laien greifbar macht. Siehe dazu meine Artikel hier, noch ausführlicher mein Buch.

      Es ist schön zu hören, dass deine Mutter noch lebt. Allerdings erinnert mich das stark an ein hübsches Zitat, das ich mal in einem (sehr klug geschriebenen) Buch gelesen habe (sinngemäß): „Aber Onkel Harald raucht, sauft und frisst … und der ist auch 90 geworden“ – Ich vertraue Roberts und seinen 40 Jahren Berufserfahrung als Kardiologe. Darüberhinaus verweist du auf Korrelationen.
      Weiterhin weiß ich, dass Arteriosklerose durch noch viele weitere Faktoren begünstigt wird. Aber das oxLDL (Cholesterin!) steigt oftmals linear mit der Gesamtmenge von Cholesterin – ein Risiko, das ich meinen Lesern gerne ausreden möchte. Wir thematisieren hier aber auch häufig Dinge wie Stress und Entzündungen.

      Welchem Irrglauben soll ich denn Verfallen sein? Ich kenne wenige Blogs, die derart differenziert von Dingen berichten – natürlich sollte man, um das zu sehen, auch deutlich mehr von mir gelesen haben, als 1000 Wörter.

      Dann wüsstest du auch, dass ich mich stark distanziere von so genannten „Wahrheiten“ – ich distanziere mich aber auch stark von „Irrglauben“, dass man mit stark kontrastierten Abweichungen jeglicher Parameter irgendwie langfristig und nachhaltig (vor allem bezogen auf Gesundheit) profitieren kann.

      Insgesamt solltest du zu diesem Thema vielleicht mein „Karten-Modell“ studieren.

      Es ist aber, wenn es um „Kritik“ geht, immer wieder dasselbe: Entweder wird das Ego durch meinen Schreibstil (!) – nicht mein Charakter – angekratzt, man fühlt sich selbst „getroffen“, weil ich über etwas schreibe, was womöglich weh tut oder es werden Dinge – selektiv wahrgenommen – nicht korrekt ausgelegt (= fehlinterpretiert). Selten, genauer: nie, kommt einer auf die Idee, meinen Weg nachzuzeichnen und mir mit qualitativ hochwerten Studien (Anmerkung: keine Korrelationen und Meta-Analysen) und eigenen Ausführungen zu zeigen, dass ich falsch liege. Aber so etwas braucht drei Sachen: Erfahrung, Wissen und Quellen.

      (Erfahrung und Wissen scheine ich auch bei meinen Artikeln viel zu oft vorauszusetzen. Denn: Ich setze voraus, dass man weiß, dass ketogene Diäten – als Beispiel – dauerhaft AMPK aktivieren und somit auch dafür sorgen, dass neue Mitochondrien entstehen und deine „mitochondriale Dysfunktion“ dann dramatisch verbessert wird – das ist überhaupt der Grund, warum ketogene Diäten funktionieren. Ich setze voraus, dass man über den Randle-Cycle und über IRS1-mediierte Insulin-Resistenz Bescheid weiß. Ich setze voraus, dass ein – wie bei der Insulin-Resistenz zu beobachtende – „nutrient overload“ selbst dazu führt, dass eine mitochondriale Dysfunktion entsteht. Ich setze voraus, dass man weiß, dass eine Hemmung von mTOR (als Beispiel durch Rapamycin) dazu führt, dass eine Insulin-Resistenz entsteht – gleiches Spiel bei ketogenen Diäten. Ich setze voraus, dass man weiß was eine „physiologische Insulin-Resistenz“ ist … usw.)

      Das alles sollte man kennen und wissen, bevor man „Kritik“ übt und man sollte sich selbst fragen, ob ich mir das fachlich überhaupt erlauben darf.

  • Mitleser

    Hallo Chris,

    vorweg, super blog – weiter so 🙂

    bin gerade unterwegs, so das ich nicht ausführlich schreiben kann.
    Ergo: was ist nun das „Beste/richtige“ ? 😀
    ich weiß, es ist eine doofe frage, aber der mensch (ich) brauch einen leitfaden xD
    Auch ich habe lchf gelebt, zur anfangszeit bei paleo, fleisch kiloweise gegessen bis mein gichtanfall kam -.-

    Ich denke das ziel ist bei allen gleich, so lange und gesund zu leben wie möglich – doch wie macht man das? 🙂

  • Pete

    @ Mitleser: Schau doch mal in den Artikel „Richtig essen“. Ich glaube besser kann man es nicht beschreiben. Dazu – je nach Mangelerscheinung – mit NEM aufwerten. Siehe hierzu „NEM-Liste“ bzw. Forum und/oder Buch.

    LG

  • Roman

    Einen (genauen) Leitfaden oder eine Anleitung gibt es leider nicht, Geshundheit ist immer kontextabhängig und besteht aus mehreren Komponenten, welche von Person zu Person anders zu Gewichten sind. Dennoch:

    – Ein großes Blutbild, mit allen Relevanten Stoffen machen lassen (kostet, lohnt aber)
    – Im Forum, im vorgesehenen Bereich die Werte einstellen und gemeinsam schauen,
    an welchen Schreuben gedreht werden muss
    – Was kann (falls noch vorhanden) explizit gegen Gicht getan werden?
    (Begrenzung von proinflammatorisch Lebensmitteln bspw.)
    Hiefür kann ebenfalls das Forum als Hilfe genutzt werden
    – Wie schaut es mit sportlicher Betätigung aus?
    – Wie mit der aktuellen Ernährung? etc.

    Allgemein die hier verfassten Artikel lesen, das Buch eventuell dazu.
    Aber auch anderesweitige Quellen heranziehen und bei interessanten Aspekten im Forum
    nachfragen, dafür ist es, unter anderem, auch da.
    Gesundheit muss man sich eben selbstmachen. 🙂

    Grüße