Fette – das who is who der n3/n6/n9-Fettsäuren TEIL III

Teil III meiner „Fett-Serie“ kümmert sich nun eher um Real-Life-Relevanzen. Mich interessiert vor allem die (evolutive und) biochemische Perspektive. Die weiteren Entscheidungen kannst du dann treffen. Aber bevor man Entscheidungen trifft, sollte man eine Ahnung haben, oder?

Die evolutive Perspektive

Nun … ich bin eigentlich kein Freund von Phrasen a la „… das, an was wir angepasst sind“.

Dieser Begriff ist dehnbar wie Gummi und auch – ehrlich gesagt – überhaupt nicht zielführend.

Ungeachtet dieser Tatsache sollte man biochemische Erkenntnisse aber immer auf evolutive Hintergründe projizieren, um eine Ahnung zu bekommen, warum etwas so wirkt, wie es wirkt.

Vielleicht kann uns unsere Vergangenheit dabei helfen?

2002 wurde im Journal Nature eine Arbeit veröffentlicht, die uns einen Einblick in die Fettsäure-Komposition von wilden Tieren gibt. Ich finde das sehr, sehr spannend.

Denn weißt du, welches Fett im Knochenmark von Tieren zu finden ist oder im Fettgewebe oder im Gehirn? Nein?

Dann mal los …

Loren Cordain, übrigens ein wirklich sehr guter Wissenschaftler, analysierter dazu diverse Herbivoren: Elch, Reh/Hirsch, Antilope.

Er fand folgendes heraus:

Results: Muscle fatty acid (FA) was similar among North American species with polyunsaturated fatty acids=saturated fatty acids (P=S) values from 0.80 to 1.09 and n-6=n-3 FA from 2.32 to 2.60. Marrow FA was similar among North American species with high levels (59.3 – 67.0%) of monounsaturated FA; a low P=S (0.24 – 0.33), and an n-6=n-3 of 2.24 – 2.88. Brain had the lowest n-6=n-3 (1.20 – 1.29), the highest concentration of 22:6 n-3 (elk, 8.90%; deer, 9.62%; antelope, 9.25%) and a P=S of 0.69. AT had the lowest P=S (0.05 – 0.09) and n-6=n-3 (2.25 – 2.96). Conjugated linoleic acid (CLA) isomers were found in marrow of antelope (1.5%), elk (1.0%) and deer (1.0%), in AT (deer, 0.3%; antelope, 0.3%) in muscle (antelope, 0.4%; elk, trace), but not in brain.

Hier die Übersetzung für euch:

  • Ratio gesättigte:ungesättigte Fette im Muskel ca. 1:1, Ratio n6/n3-Fettsäuren im Muskel ca. 2,5:1.
  • Knochenmark enthält hohe Werte (60-67 %) einfach ungesättigte Fettsäure, ca. 20% gesättigte Fettsäuren, davon ca. 60-100 % Palmitinsäure (bezogen auf das Gesamtfett also 14-20 %), ca. 6 % mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Ratio: 2-3:1). 
  • Im Unterhaut-Fettgewebe finden wir +/- 60 % gesättigte Fettsäuren, +/- 30 % einfach ungesättigte Fettsäuren, daraus folgt: Sehr niedriger Anteil mehrfach ungesättigter Fettsäuren von ca. 6 % (Ratio: 2-3:1) 

Wir konnten sehen, dass der Löwenanteil gesättigter Fettsäuren, somit auch Palmitinsäure, im subkutanen Fettgewebe zu finden ist.

Jetzt wird es allerdings schwieriger.

Denn hat das da oben überhaupt Aussagekraft?

Wenn wir weit zurück schauen in die Wiege der Menschheit, dann sehen wir dort Savanne und sehr, sehr magere Tiere. Verschiebt sich dieses Szenario weiter in den Norden, so würden wir herausfinden, dass der Körperfettanteil von Tieren im Sommer fast immer zwischen 2 und 5 % liegt.

Das hättest du immer gerne. Tatsächlich aber variiert der Körperfett-Anteil über das Jahr und im Winter finden wir auch bei diesen Tieren Werte von ca. 15-20 %.

Das bist du. 🙂

Wohl gemerkt: Das ist ein wenig speckig, aber nicht dick!

Es versteht sich also, dass man davon ausgehen kann, dass am Äquator wenig „Winter“ ist. Es liegt also nahe zu vermuten, dass die Tiere dort ganzjährig sehr mager sind. Und mit mager meine ich auch mager, nicht semi-mager.

Ben-Dor (2011) postulierte in seiner Arbeit „Man the Fat Hunter“, dass Homo erectus gerne Elefanten gejagt hat und davon natürlich vorrangig das Fett verspeiste.

Nun – Homo erectus lebte vor uns. Und was machen Menschen? Die jagen das Tier so lange, bis es ausgestorben ist. Darum gab es auch für Homo erectus Nahrungsengpässe und …

We employ a bio-energetic model to present a hypothesis that the disappearance of the elephants, which created a need to hunt an increased number of smaller and faster animals while maintaining an adequate fat content in the diet, was the evolutionary drive behind the emergence of the lighter, more agile, and cognitively capable hominins.

Unsere Vorfahren also, mussten plötzlich „kleinere und schnellere“ Tiere jagen, obwohl sie gleichzeitig einen Körperfettanteil wahren mussten, um nicht auszusterben. Das ist natürlich bitter, denn dann brachte die Evolution scheinbar eine „leichtere, agilere und schlauere“ Version des Menschen auf den Planten: Homo sapiens.

Wir können also mit absoluter Sicherheit sagen, auch im Einklang mit unseren afrikanischen Busch-Freunden, dass es in Afrika ziemlich hart war für uns. Wenn dir nicht klar ist, wie hart, dann solltest du dir mal das Bild anschauen von dem einen Aborigine – zwar nicht in Afrika, aber dennoch in warmen Regionen beherbergt.

Wenn du dich erkundigen willst, wie das in „real“ aussieht, dann gönne dir doch mal folgendes Video:

Was ich damit sagen möchte: Subkutanes Fett wäre niemals das Nahrungsmittel #1 gewesen – das ist aus den genannten Gründen einfach nicht möglich.

Der Punkt zunächst: Nur in Afrika.

Das ist auch der Grund, warum die Menschen da oben heute einen Großteil ihrer Kalorien aus der Mongongo-Nuss gewinnen.

Wann immer wir Knochen finden, von vor 100.000 Jahren gejagten Tieren, sehen wir, dass das Knochenmark mit Werkzeugen ausgeschabt wurde – Zufall? Nein.

Tatsächlich zeigen Untersuchungen des Max-Planck Instituts, dass bereits vor 3,4 Mio. Jahren Werkzeuge benutzt wurden, um Knochen aufzubrechen und das wertvolle Knochenmark zu verwenden.

Damals noch nicht von Homo sapiens, sondern von einer Vorgänger-Art der Gattung Homo: Australopithecus afarensis.

Es handelt sich beim Knochenmark-Verzehr also nicht um eine Erfindung der Neuzeit.

Ich möchte hier also vorläufig sagen: Diese Menschen waren froh, wenn die mageren Tiere überhaupt ergiebig waren. Da gab es keine Salami, Lyoner oder Schweinebauch. Diese Fettzufuhr, wie wir sie heute haben, gab es dort allerhöchstens saisonal – allerhöchstens!

Wenn uns das subkutane Fett von Magertieren (<5 % Körperfett) nicht zur Verfügung steht, dann greifen wir eben zu anderen Fettquellen: Dem Knochenmark. Und wenn du wir jetzt noch mal verdeutlichst, welche Fettsäuren wir in diesem Knochenmark finden, dann geht dir vielleicht ein Lichtchen an. Wenn nicht, dann vielleicht später.

Die Geschichte des H. sapiens ist hier natürlich noch nicht beendet.

Nach 100.000 Jahren Afrika, hatten wir womöglich genug von diesen Magertieren und haben uns nach neuen Nahrungsquellen umgeschaut.

Warum sonst verlässt man etwas? Doch nicht, wenn man im Paradies lebt.

Bezogen auf Energiedichte kamen diese Menschen dann im Schlaraffenland an: Eine Landschaft voller Großwild namens Europa.

Dort gab es mit Sicherheit viel Fett zu essen.

Ein erlegtes Mammut reicht aus, um einen ganzen Stamm,  einen Monat lang zu versorgen. Zumindest in der Theorie.

Tatsächlich wurde lange spekuliert, ob der ganz frühe Homo sapiens, der noch in Afrika lebte, nicht auch sehr viel aquatische Ressourcen in seinen Speiseplan integrierte.

Darüber streiten sich bis heute die Geister.

Was wir aber mit absoluter Sicherheit sagen können ist, dass das Mammut wohl ausstarb aufgrund des Menschen.

Und das erinnert sehr an das Szenario, das wir damals mit Homo erectus und den Elefanten hatten, wenn gleich die Fauna in Europa wohl ausgeprägter war bezüglich des Großwilds.

Ungeachtet dieser Tatsache stellten Richards et al. (1998) fest, dass hauptsächlich Protein marinen Ursprungs verspeist wurde, was die Gesamtkomposition des verzehrten Fettes wohl deutlich beeinflussen würde.

Das Bild der Evolution ist daher sehr unscharf gezeichnet. Wir können nur spekulieren und erahnen, welche Fette gegessen wurden und vor allem wie viel davon.

Auch Cordain (2000) versuchte sich dieser Frage zu stellen und analysierte dabei weit über 200 Jäger und Sammler Kulturen, kam damals zum Ergebnis, dass zwischen 20 und 60% Fettkalorien verzehrt wurden, je nachdem in welcher regionalen Gegebenheit der jeweilige Stamm lebte.

Ich bin der Meinung, dass diese Diskussion anhand evolutiver Gesichtspunkte nicht zielführend ist.

Jeder, der seine eigene „Ernährungsthese“ mit Hilfe von evolutiven Fakten bestätigen will, wird dies auch tun können.

Was wir sicher festhalten können ist, dass ein Großteil der Evolution der Gattung Homo und der Art Homo sapiens, in Afrika stattfand und die Fauna dort nicht das bieten konnte, wonach sich heute viele sehnen: Fettkonsum, zumindest bezogen auf reines Tierfett.

Es ist also nicht nur falsch, sondern auch fahrlässig, wenn man meint, 70.000 Jahre hätten ausgereicht, um aus einem Buschmann, einen Eisbären zu machen.

Übrigens gab es dazu erst vor kurzem eine neue Arbeit, die zeigte, dass Eisbären tatsächlich Mutationen im Genom zeigen, an Stellen, die für den Cholesterin-Stoffwechsel verantwortlich sind.

Die haben nämlich konstant Cholesterin-Werte über 600 und … leben! Das könntest du nicht.

Referenzen

Ben-Dor, Miki et al. „Man the fat hunter: the demise of Homo erectus and the emergence of a new hominin lineage in the Middle Pleistocene (ca. 400 kyr) Levant.“ PloS one 6.12 (2011): e28689.

Cordain, Loren et al. „Plant-animal subsistence ratios and macronutrient energy estimations in worldwide hunter-gatherer diets.“ The American journal of clinical nutrition 71.3 (2000): 682-692.

Cordain, Loren et al. „Fatty acid analysis of wild ruminant tissues: evolutionary implications for reducing diet-related chronic disease.“ European Journal of Clinical Nutrition 56.3 (2002): 181-191.

Cordain, Loren et al. „Origins and evolution of the Western diet: health implications for the 21st century.“ The American journal of clinical nutrition 81.2 (2005): 341-354.

Richards, MP. „A brief review of the archaeological evidence for Palaeolithic and Neolithic subsistence.“ European journal of clinical nutrition 56.12 (2002): 16 p following 1262-16 p following 1262.

Bildquelle

Tracy O

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