Orthorexie: Eine Gratwanderung

Ach, wie ich das liebe.

Der Spiegel hat – mal wieder – einen Artikel verfasst, von dem sich so viele „Gemeinden“ angesprochen fühlen. In diversen Foren, ich lese immer schweigend mit, ist die Abneigung deutlich zu spüren.

Was ich ganz besonders sehe, in ganz „gewissen“ Kreisen: Leute stehen lächelnd, ganz erhaben über dieser Sache.

Doch um was geht es überhaupt? Hören wir doch einmal kurz in den Artikel:

Betroffene magern ab, weil es kaum noch Lebensmittel gibt, die sie essen wollen. Sie leiden unter Mangelerscheinungen. Und sie vereinsamen. Einladungen zum Essen bei Freunden lehnen Betroffene ab, weil sie nicht vom Ernährungsplan abweichen wollen. Sie versuchen, andere zu missionieren, die sich deshalb zurückziehen.

Menschen mit Orthorexie geht es nicht bloß ums vermeintlich gesunde Essen. Zwanghafte Züge kommen hinzu, wobei die Orthorexie keine echte Zwangsstörung ist. Isst ein Betroffener etwas, das er für nicht ganz so gesund hält, bekommt er regelrecht Schuldgefühle und hat Angst, die Kontrolle zu verlieren und sich Schaden zuzufügen.

„Orthorexie ist vielfach das Ergebnis einer Suche nach Orientierung in einer komplexen Gesellschaft. Gesundes Essen wird zur Ersatzreligion, stabilisiert das Selbstwertgefühl„, sagt Voderholzer.

Die Betroffenen sind von ihrem Verhalten überzeugt und wollen es auf keinen Fall ändern. „Und das, obgleich wir bei einer Studie festgestellt haben, dass bereits eine mittelschwere Orthorexie einen Leidensdruck, eine verringerte Lebenszufriedenheit, geringeres persönliches Wohlbefinden verursacht“, berichtet Barthels. Therapiebereit sind eher diejenigen, die aufgrund einer sehr einseitigen Ernährung bereits Mangelerscheinungen haben. Geeignete Anlaufstelle sind Therapeuten und Psychologen, die sich mit Ernährungs- und Essstörungen auskennen.

Hier sehen wir, wie die Gesellschaft auf uns, Ernährungsperfektionisten, schaut und beurteilt. Jetzt weiß ich ja, dass keiner dieser Menschen selbst gesünder ist, denn jeder versucht eine halbwegs ordentliche Figur zu halten und fühlt sich schlecht, wenn er mal wieder zu viel fast food gegessen hat.

Die „Normalen“ sind nicht so „normal“, wie sie glauben.

Aber das ist ja nicht das Thema. Die Gesellschaft sieht ein paar Sachen – von außen betrachtet – ein wenig neutraler, als wir und beobachtet:

  • Vereinsamung,
  • Nicht abweichen wollen von Ernähungsvorgaben der Diät,
  • missionieren andere,
  • Schuldgefühle für das Gegessene, wenn es nicht explizit „erlaubt“ ist,
  • „gesundes“ Essen wird zur Ersatzreligion,
  • Stabilisierung des Selbstwertgefühls,
  • Überzeugung und ein „Nicht-ändern-wollen“.

Das passiert, wenn man „glaubt“, das Essen sei der Mittelpunkt des Lebens. Und vergisst dabei die restlichen 500 Faktoren, die für eine Gesunderhaltung verantwortlich sind.

Und ich weiß, dass genau diese Menschen dann andere belächeln: Schau mal, der Idiot, der kauft ja Kohlenhydrate!

… „der bekommt morgen bestimmt Krebs“ oder Herzinfarkt.

Wahrscheinlich sind Kohlenhydrate auch für Hashimoto verantwortlich.

Ich schreibe das deshalb, weil es so genannte „blue zones“ gibt. Das umschreibt ein Konzept, bei dem man versucht Orte ausfindig zu machen, wo Menschen (deutlich) länger Leben als wir.

Und was finden wir dort? Eiweißpulver? No carb Diäten? Veganismus?

Nein, dort finden wir etwas anderes: Mäßigung.

Hara hachi bu. 

Die Menschen dort engagieren sich sehr in sozialem Umfeld, haben keine strikte Ernährungsvorgaben, sie essen was es gibt, aber sind insgesamt zurückhaltender (hara hachi bu), Schuldgefühle entwickeln sich nicht, denn sie haben sowieso nicht die Probleme, die wir haben. Probleme werden kompensiert durch das soziale Umfeld, das extrem stabilisierend wirkt und lange nicht so fordernd ist, wie unsere Welt hier.

Doch was unterscheidet die blue zones von uns?

Schauen wir mal auf die Power 9: blue zones lessons.

  1. Bewege dich natürlich: Die Langlebigsten stemmen kein Eisen oder laufen Marathon. Stattdessen müssen sie sich aufgrund der Umweltbegebenheiten ständig bewegen, ohne dabei „zu denken“.
  2. Einen Sinn für den Sinn: Wieso stehst du morgens auf? Eine (Lebens-)Aufgabe kann unsere Lebenserwartung um 7 Jahre erhöhen.
  3. Runterkommen: Stress induziert Entzündungen, die im Zusammenhang stehen mit diversen degenerativen Erkrankungen. Die Langlebigsten pflegen Rituale gegen Stress.
  4. 80% Regel: Hara hachi bu. Die Okinawa-Bewohner sagen, dieses Mantra erinnert sie vorm Essen immer daran: Bei 80% Mageninhalt ist Schluss.
  5. Pflanzen: Der Eckpfeiler der Ernährung vieler Langlebigen sind Bohnen.
  6. Wein: Weintrinker (mäßig) leben gesünder als Nicht-Trinker – vor allem dann, wenn es in der Gemeinschaft stattfindet.
  7. Zugehörigkeit: Dienste erweisen, Teilhabe am Gemeinschaftswesen, kann das Leben um 14 Jahre verlängern.
  8. Die Geliebten zuerst: Die Familie steht an erster Stelle. Eltern und Großeltern bleiben in der Nähe wohnen und es wird in die Kinder investiert.
  9. „Richtiger Stamm“: Langlebige gehören zu Kreisen oder werden in Kreise geboren, die gesundes Verhalten unterstützen.

Wenn man dem auch nur ein bisschen Bedeutung beimisst, wird klar: Die Ernährung macht einen sehr geringen Teil aus.

Klar: Damit man „gesund“ bleibt, muss man nicht zwangsläufig irgendwelche Pulver kaufen. Wir haben gelernt, dass Sport und Kalorienrestriktion, wohl zusammen mit Sonnenstrahlung, die „take home messages“ sind, wenn es um gesundes Verhalten geht.

Muss ich da noch über andere Dinge Bescheid wissen? Wahrscheinlich nicht.

Unser Problem, das Problem unserer Gesellschaft habe ich bereits angesprochen: Es ist alles zu extrem, um selbst normal zu sein, sich normal zu verhalten.

Die Maßstäbe sind für jeden absurd hoch, so dass wir konstant nach Möglichkeiten suchen, irgendwo besser zu werden, besser als der Nachbar, der jetzt Porsche fährt.

Die Gesellschaft hat wenig Gnade mit uns.

Könnte sein, dass wir alle eine leichte psychische Störung haben, eine Maladaption.

Bevor du dir jetzt das Maul über mich zerreißt: Denke doch mal über Orthorexie nach. Über die Punkte, die ich dir heraus geschrieben habe.

Sei doch wenigstens einmal im Leben weise.

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