Normalität im Wahnsinn

Ich stelle mir oft die Frage, wie man in einer Gesellschaft normal sein will, die selbst so abstrus und irrsinnig anomal ist.

Dieses Spiel muss irgendwann einmal so angefangen haben: Irgendeiner kommt auf die Welt, sieht vielleicht besonders gut aus oder hat ganz besondere Talente. Instinktiv war dieser Mensch ein besonderer Mensch, zumindest spiegelt sich das in seiner sozialen Stellung wider, die sich genau aus dieser Bewunderung ergab.

Es hat sich also in diesem Fall ein Extrem gebildet.

Jetzt ist der Mensch ja nicht so, dass er es demjenigen gönnen würde, denn er selbst sieht sich durch seine daraus entstehende niedrigere soziale Stellung benachteiligt. Und selbst wenn diese soziale Stellung nicht „offensichtlich“ wäre, hätte er trotzdem Neidgefühle.

Und trotzdem wird er Mensch verehrt.

Hier sehen wir etwas, was die Evolution ganz besonders beschissen gemacht hat: Menschen vergöttern andere Menschen instinktiv aufgrund diverser (im Gehirn verankerten) Merkmale.

Klar: Ein Mann der besonders schnell laufen kann, hätte uns vielleicht das ein oder andere Beutetier erlegen können.

Was im Rahmen kleinerer Gruppierungen, mit denen wir irgendwann einmal diesen Planeten belebten, sinnvoll war, ist heute ein extrem übersteigertes (soziales) Phänomen.

Man muss sich nämlich vor Augen führen, dass das Hierarchie-Gefüge in kleineren Gruppen deutlich weniger ausgeprägt ist – dort gibt es weniger „Distanzen“, mehr Nähe, was einer übersteigerten Bewunderung immer entgegen wirkt: Ach der Harry, der läuft zwar schnell, aber ist ein ganz normaler Typ.

Heute würde das heißen: Ach der Harry, der läuft schnell, hat Millionen auf dem Konto, fährt die schönsten Autos, bekommt Sponsorengelder und macht ständig Selfies mit Frauen.

Und: Homo sapiens ist eine gläubige Art.

Egal an welche Gottheit man glaubt – sobald wir keine Gottheit mehr haben, sehen wir uns selbst als Gott. 

Wir haben etwas geschaffen, was einer riesen Seifenblase ähnelt, denn:

Wenn der Nachbar das Geld hat, die schönen Frauen und großen Autos, dann muss ich das ja auch haben.

Wenn die Models im TV so dünn sind und jeder bewundert sie, dann muss ich ja auch so dünn sein.

Wenn nur die Besten Bewunderung bekommen, dann muss ich auch zu den Besten gehören.

Wenn der Arzt mit 45 5 Iroman gewonnen hat mit seinem Eiweißpulver, dann muss ich das jetzt auch machen.

Und so bauen wir uns selbst aufgebaute Idealbilder, eine Scheinrealität, in der sich niemand wohlfühlt. Jeder wäre gerne normal, kann es aber nicht sein, weil er unter so genannten sozialen Zwängen steht.

Die Realität ist paradoxerweise, dass jeder instinktiv weiß, dass das eine Scheinrealität ist. Jeder beschwert sich darüber, dass der Manager die Kohle und die dicken Wägen abbekommt, aber jeder strebt danach, weil es unser Gehirn in ein Glücksrausch versetzt. „Das will ich haben“ – Bilder im Kopf: Schöne Urlaube, schöner Porsche Cayenne, Villa in Heidelberg am Neckar usw.

So setzen wir uns Ziele, die zwar gesellschafts – und ego-konform sind, nicht aber konform mit deiner eigenen Biologie, mit deinem eigenen Selbst.

Und wenn wir ehrlich sind: Wir können ja auch nie wir selbst sein, denn wir werden seit unserer Kindheit in diverse Schemata gepresst, gepresst von Menschen in einem Alter, in dem wir selbst noch nicht mal fähig waren ordentlich zu denken.

Wo befindest du dich jetzt? Ist das ein Resultat deiner Kindheit? Wenn ja, kannst rückblickend sagen, dass die Menschen, die dein Leben geprägt haben, nicht auch Teil dieser Scheinwelt waren?

Und du jetzt auch Teil dieser komischen, abstrusen Welt bist?

Ich glaube, das Gehirn strebt einen Zustand des Glückes an, einer inneren Zufriedenheit. Bei den Affen wissen wir, woher das kommt: Nur die sozial Angesehenen, die Alpha Tiere haben Serotonin im Kopf. Die Beta Tiere sind unterwürfig, immer leicht gestresst und haben zu viel Angriff in sich, Adrenalin und Noradrenalin. Die wollen halt auch mal da hoch, auf den Thron, auf den Höhepunkt des Seins, denn dort finden wir etwas, was so selten ist: Biochemisches Glück, ausgedrückt in Form von Serotonin im menschlichen Gehirn.

Wenn du also diesen Weg gehst, den Weg des Dummkopfes, dann wirst du wahrscheinlich lange danach streben. Du wirst lange versuchen einen Ideal-Zustand zu erreichen um dann endlich die Finca auf Sardinien zu kaufen.

Es gibt aber scheinbar noch einen anderen, einen geschickteren Weg.

Das einzige Problem, dein einziges Problem ist, dass du niemals zu dir selbst stehst, dass du niemals gelernt hast, deine eigenen Talente zu entdecken und intensiv zu fördern.

Alles andere wird sowieso folgen.

Dein Augenmerk lag immer auf Reichtum der anderen. Du hast immer beobachtet, was Bastian Schweinsteiger kann. Du hast immer mit dem Finger auf deinen Nachbar gezeigt: Wurde schon wieder befördert – Arschl*ch.

Und deswegen hasst du alle. Nur aus eigener Unzufriedenheit, aus einem Mangel an eigener Kompetenz.

Wenn also wieder jemand über mich herzieht, dann weiß ich: Der Mensch muss sehr unzufrieden mit sich selbst sein.

Ich weiß das deshalb, weil ich Jahre lang nichts von meiner Umwelt mitbekommen habe. Ich hatte einen eigenen Weg zu gehen, habe meine Ziel sehr hart verfolgt und hatte gar keine Zeit, gar keine Lust mir über andere Menschen und ihren Weg Gedanken zu machen.

Warum denn auch?

Der Schlüssel liegt doch einzig alleine darin, deine Talente zu finden und diesen Weg konsequent zu gehen. Das ist Glück. Denn dort wirst du erfolgreich sein, deine soziale Anerkennung erhalten – auch wenn du kein Bundeskanzler wirst.

Seht ihr: Das ist das Problem.

Scheinrealitäten verzerren unsere eigene Wahrnehmung, die Wahrnehmung unseres eigenen Selbst. Und dann verlieren wir uns irgendwo im Ruhm anderer Menschen und sind traurig, böse, enttäuscht, mit Hass erfüllt.

Du wirst niemals ein Wissenschaftler werden, wenn du nicht von Natur aus gut darin bist, logisch zu denken, Konzepte zu erkennen, in einem Ursache-Wirkungs-Schema zu denken.

Du wirst niemals ein guter Langläufer, wenn du von Natur aus 85kg wiegst.

Du wirst niemals ein guter Lehrer, wenn du keine Affinität zu anderen Menschen hast.

Du wirst niemals ein Model, wenn dein Gesicht nicht bestimmte, mathematisch berechenbare, Verhältnisse hat.

Also lasse es doch einfach sein. 

Du, weiblich, musst nicht zum Fotograf gehen und Model-Bilder machen, weil das jetzt cool ist und alle deine Freundinnen das auch machen – Du bist kein Model, überlasse das doch denen, die das wirklich gut machen.

Das einzige was zählt ist Talent und die Arbeit an dem Talent.

Du erreichst innerhalb sehr kurzer Zeit als Sport-Anfänger dein genetisches Maximum – wenn du nach 4 Monaten nicht 10km locker und unter 45 Minuten joggen kannst… dann lass es doch einfach sein – du wirst dann kein Top Level Ironman Triathlet. 

Ist das eigentlich so schwer zu verstehen?

Wir verschwenden zu viel Zeit.

Diese Welt lebt von Extremen, von „Neuem“, von Innovationen, von Farben, von Laut, von Viel und von Zügellos – kurz: Extrem ist unser Leben.

Die kleine Lotte, unsere Hündin, die schläft den halben Tag… und wird geliebt, einfach so, wie sie ist.

Nur Homo sapiens, die arme, einsame Art, schaufelt sich ihr eigenes Grab — und merkt es nicht mal.

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  • Antje

    Also ich mag ja alle Artikel von dir, Chris, und habe auch wirklich wirklich viel dazu gelernt die letzten Wochen (und mache tatsächlich Fortschritte – danke dafür :)), aber DIESER hier gefällt mir bald am besten, weil er einfach nur WAHR ist. Und irgendwie auch sehr weise. 🙂

  • Cagri Meltem

    Wir kaufen und tun dinge um menschen zu beeindruckem die wir eigentlich nicht mögen.